Zeichen (triade)

Zeichen (triade)

Alles, was für uns in einer bestimmten Hinsicht für etwas anderes steht, und in unserem Bewusstsein ein äquivalentes oder weiter entwickeltes Zeichen hervorruft, ist, Peirce zufolge, ein Zeichen. (vgl.  CP 2.308)

Also kann alles, was wir überhaupt wahrnehmen, als Zeichen fungieren: Jede Wolke kann für uns ein Zeichen sein für etwas (z.B. „schlechtes Wetter“), jeder Schrei, jede Spur im Sand, jedes Geräusch, der Geschmack von Estragon, ein Gedicht, eine Fieberkurve, ein Knoten im Taschentuch, die Architektur einer Epoche usw.

Peirce hat einen pansemiotischen Zeichenbegriff, anders als die europäischen Semiologen, die vor allem als Sprachwissenschaftler sprachliche Zeichen (z.B. Wörter) untersucht haben; nein: für Peirce kann alles überhaupt Wahrnehmbare als Zeichen fungieren.

Heute möchte ich daher einmal genauer beschreiben, was ein Zeichen eigentlich ist. Und obgleich ich mit der Aufzählung aller möglichen Wahrnehmungen, die wir alles als Zeichen bezeichnen wollen, schon einen Anfang gemacht habe, möchte ich dieses spezifische, triadische Gebilde genauer betrachten, das Peirce eingeführt hat.

Was also ist ein Zeichen?

Eine noch recht einfache Darstellung habe ich in meiner statischen Seite „Grundlagen“; ein Zeichen besteht demnach aus drei Komponenten: dem Objekt des Zeichens, dem Repräsentamen als dem Zeichenmittel und dem Interpretanten, durch den der Zusammenhang zwischen den ersten beiden vermittelt und rekonstruiert bzw. interpretiert wird.

So weit, so gut: Dieses Modell ist vermutlich echt intuitiv und vor allem für alle, die sich schon mal mit sprachwissenschaftlichen Zeichenmodellen beschäftigt haben, leicht nachvollziehbar. Aber das hier ist Peirce, und ich will einmal demonstrieren, wie viel Dynamik und Komplexität in diesem Modell steckt.

Zunächst ein Beispiel zur Illustration des Schemas:
Stellt euch vor, eine Familie hat es sich am Badestrand gemütlich gemacht. Plötzlich zieht eine dunkle, dräuende Wolke auf. Die Mutter ruft: „Oh, es wird ein Gewitter geben! Der Badespaß ist vorbei, lasst uns nach Hause gehen!“

Wir verstehen: Hier ist ein Zeichen(mittel) (Repräsentamen), nämlich die dräuende Wolke, die für die Mutter auf sein Objekt, das Gewitter hinweist, und die deshalb zum Aufbruch ruft, um die Familie vor dem Gewitter in Sicherheit zu bringen (Interpretant).

Wir begreifen das Zeichen hier insgesamt, als Triade, so, dass es zu einer bestimmten Handlung oder Konsequenz veranlasst (= Aufbrechen und Heimgehen). Das ist seine aktuelle Bedeutung für die Familie in diesem Kontext.

Wir sprechen also von einem Zeichen, wenn alle drei Konstituenten da sind: Ein Zeichenmittel oder Repräsentamen (die Wolke), ein Objekt (das Gemeinte: das Gewitter) und ein Interpretant (eine interpretierende Instanz, die diesen Zusammenhang zwischen Repräsentamen und Objekt herstellt und damit eine bestimmte Wirkung erzielt (beispielweise: Aufbrechen und nach Hause gehen).

Fehlt eine der drei Komponenten, „gibt“ es auch kein Zeichen.[1]

Nun wollen wir dieses Zeichenkonzept ein bisschen komplexer werden lassen: Ich nehme dazu die wohl bekannteste Zeichendefinition von Peirce, die es in sich hat:

Widmen wir uns erst einmal dem ersten Teil des Zitats. Beschrieben werden hier nicht näher die einzelnen drei Bestandteile des Zeichens, sondern die Zeichentriade insgesamt, wie sie als Triade funktioniert:

Das Repräsentamen (dräuende Wolke) kann einen Interpreten (Interpretant, die Mutter also z.B.) dazu bringen, sich in dieselbe Relation zu einem Objekt (dem Gemeinten: ein Gewitter z.B.) zu positionieren, in der es selbst zu dem Objekt (Gewitter) steht. Das bedeutet: Wenn „Wolke“ „Gewitter“ meint, dann erkennet auch die Mutter qua Wolke: Gewitter. Die Wolke bedeutet für sie Gewitter.

Nun schauen wir uns die Wolke, oder vielmehr das Repräsentamen, doch einmal genauer an. Wir nehmen die Wolke wahr, nicht das Gewitter. Zugleich nehmen wir aber qua Wolke das von ihr Gemeinte, das Gewitter wahr. Wir, als Interpretant, stellen diesen Bedeutungszusammenhang erst her: Indem wir die Wolke als Zeichen für ein drohendes Gewitter interpretieren, ist das Zeichen zustande gekommen.

Ich erkläre das so umständlich, weil es hier ein paar wichtige Implikationen gibt: Zuallererst: Es gibt keine Zeichen an sich; es gibt Zeichen nur in ihrer Konstituierung, indem etwas als Zeichen für etwas interpretiert wird. Anders gibt es kein Zeichen.

Und genauso verhält es sich auch mit den drei Bestandteilen des Zeichens: Es gibt kein Repräsentamen „an sich“.

Denn bei aller Analyse der drei Zeichenbestandteile dürfen wir nicht vergessen, dass alle drei Zeichenbestandteile eben dies nur dann sind, wenn insgesamt ein Zeichen (also eine Zeichentriade) vorliegt. Die Rede von „dem Repräsentamen“ ist also missverständlich, weil es „das Repräsentamen“ nur als Bestandteil eines Zeichens gibt, nicht aber „an sich“. Eine dräuende Wolke ist „an sich“ kein Repräsentamen. Sie ist das erst dann, wenn sie als auf etwas verweisend interpretiert wird. Und so ist das immer.

Wenn man nun aber fragt, was die „dräuende Wolke“ an sich sei, dann wird man jede Menge über sie sagen können, unter den vielfältigsten Hinsichten, aber man hat sie damit aus ihrer spezifischen Funktion als Repräsentamen eines Zeichens herausgelöst und zum Objekt eines anderen Zeichens gemacht.

Aber wenn wir, angesichts einer dräuenden Wolke ausrufen: „Oh, es wird ein Gewitter geben! Lasst uns aufbrechen und nach Hause gehen!“, dann fungiert die Wolke als Repräsentamen zu dem Objekt Gewitter, so wie wir es interpretieren.

Wir können über „die Wolke“ nichts aussagen, ohne sie wieder zu einem Bestandteil einer Zeichentriade zu machen.

(Auch wenn wir die Wolke eben nur und ausschließlich als Wolke wahrnehmen, wenn sie nichts bedeutet (außer sich selbst), dann bedeutet oder verweist sie doch zumindest auf sich selbst, also extrem autoreferentiell: Indem sie sich selbst als repräsentiert präsentiert. In diesem Fall ist sie zugleich Objekt und Zeichenmittel. Beides.)

Ein weiterer Aspekt: Wir nehmen die Wolke wahr, wir sehen nicht das Gewitter, das sie möglicherweise ankündigt. So kann man sagen: Das Repräsentamen ist das Wahrnehmbare am Zeichen.

Aber auch wenn es richtig ist, zu sagen, dass das Repräsentamen das Wahrnehmbare am Zeichen ist, so wird dennoch nicht so sehr das Repräsentamen, sondern das Objekt qua Repräsentamen wahrgenommen – als Hinweis auf das Gemeinte. Man nimmt das Objekt des Zeichens im Repräsentamen, oder in Gestalt des Repräsentamens wahr.

Die Dynamik des Zeichens

Indem Peirce schreibt, das Repräsentamen bringe den Interpretanten dazu, in dieselbe Relation zu treten, in der es selbst zu dem Objekt steht , hat er bereits einen semiotischen Prozess skizziert.

Denn indem der Interpretant in die Position des Repräsentamen rückt degeneriert er selbst zu einem Repräsentamen (desselben Objekts).

Dieser Degenerationsprozess macht dann einen weiteren Interpretanten erforderlich, damit wiederum eine komplette Zeichentriade entsteht.

Kurz ein anderes Beispiel, das verdeutlicht, worauf es mir hier ankommt: Wenn ich ein Smiley sehe, dann sehe ich qua Smiley ein menschliches Gesicht, aber indem das Smiley ein lachendes Gesicht zeigt, bringt es mich dazu, mir ein lachendes menschliches Gesicht vorzustellen. Genau das ist damit gemeint, dass der Interpretant in dieselbe Relation zum Objekt gebracht wird, in dem das Repräsentamen zu dem Objekt steht: Das R (Smiley) bringt mich dazu, das Objekt so zu sehen (lachend), wie es das Objekt repräsentiert. Es determiniert die Hinsicht, unter der ich das Objekt sehe.

Wenn ich die Wolke sehe, sehe ich vor meinem geistigen Auge ein Gewitter: Ich stehe in derselben Relation zum Gewitter, wie die Wolke. Die Differenzierung zwischen Wolke und Gewitter schwindet, ich reagiere (Aufbrechen und nach Hause gehen) auf das Gewitter qua Wolke. Oder: Ich nehme das Gewitter in Gestalt der Wolke wahr.

Dass, der Interpretant in dieselbe Relation zum Objekt gebracht wird, dass er also die Position von R einnimmt, dass er also zu einem R degeneriert – und schließlich: dass er also in derselben Relation zum Objekt steht, ist nur möglich, wenn er so von einem weiteren Interpretanten interpretiert wird.

Das ist eine sehr fabelhafte Implikation des Zeichenmodells, weil auf diese Weise eine semiotische Degenerations– und zugleich Fortpflanzungs-Bewegung mitgedacht wird, die quasi in zwei Richtungen gleichzeitig erfolgt. Außerdem gibt es Bewegung durch den Funktionswechsel, den der Interpretant erlebt, wenn er zu Repräsentamen wird.

Um in unserem Bild zu bleiben: Ein paar jugendliche Windsurfer sehen, wie die Familie angesichts der dräuenden Wolke ihre Sachen zusammenpackt und geht: Diese Szene ist für sie das Repräsentamen für beste Surf-bedingungen. Jetzt können sie die netten Vor-Gewitter-Winde ausnutzen und surfen. – Das wäre ein (denkbarer) neuer, nachrückender Interpretant. Und so weiter.

Diese Dynamik, die im Zeichenmodell angelegt ist, ist deshalb wichtig, weil sie uns zeigt: Ein Zeichen ist nur dann der Fall, wenn drei zu einer Konstellation Repräsentamen, Objekt und Interpretant zustande kommen. – Und: Ein Zeichen ist nichts irgendwie Substanzielles „an sich“, sondern immer nur ein Moment innerhalb eines Zeichenprozesses.

but besides that

Und damit noch nicht genug! Denn es gibt noch den zweiten Teil der Zeichendefinition, der mit „but besides that“ beginnt.

Dieser Teil der Zeichendefinition beschreibt einen anderen Degenerationsprozess bzw. den Funktionswechsel, wobei man sich beide semiotischen Prozesse gleichzeitig, gewissermaßen verschränkt, vorstellen muss: Repräsentamen und Objekt (also: Wolke und Gewitter) werden hierbei zusammen zu einem neuen Objekt eines neuen Repräsentamen – das zuvor der Interpretant gewesen ist.

Diesmal also nicht: Der Interpretant rückt an die Stelle von R, sondern R und Objekt verschmelzen zu einem neuen Objekt, wodurch der Interpretant quasi automatisch an die Position des R gezogen wird. (– und zur Re-Komplettierung des Zeichens einen neuen Interpretanten braucht.)

Während also in der ersten Semiose prinzipiell endlos viele Interpretanten sukzessive nachrücken können, die sich alle in die Position von R bezüglich des immergleichen Objekts setzen, wird das Objekt in der zweiten Semiose selbst immer komplexer, da bestehend aus den mit ihm „verschmelzenden“ R.

Aber so ein Zeichen ist ein flüchtiges Ding: Nicht nur die Rede von „dem Repräsentamen“ usw. verführt zu der Vorstellung, es handle sich um irgendwie so und an sich gegebene Entitäten, sondern auch die ganze Triade wirkt, hat man eine beobachtet, irgendwie substantiell. Aber es „gibt“ ein Zeichen jeweils nur im Zeichengebrauch.

Vielleicht kann man so formulieren: Sobald in der ersten Triade das Repräsentamen den Interpretanten dazu gebracht hat, in dieselbe Relation zum Objekt einzugehen, in der es selbst zu dem Objekt steht, hat es seine Funktion als Repräsentamen erfüllt. (Lassen wir es, nachdem es seine Funktion erfüllt hat, wie Gott in Douglas Adams „Hitchhiker‘s Guide to the Galaxy“ verschwinden: „in a puff of logic“.)  

Es wirkt aber in dieser Erfüllung seiner Funktion – zweite Triade! – dann im Objekt oder als Objekt fort, in jenem neuen Objekt, wie Peirce schreibt, bestehend aus Repräsentamen und Objekt. Insofern ist also also die Hinsicht, unter der das Repräsentamen das Objekt repräsentierte, in das Objekt eingegangen ist. (Das Lächeln des menschlichen Gesichts, inspiriert durch das Lächeln des Smileys.)

Wenn also die Familie ihre Badesachen einpackt und den Heimweg antritt, war das die Bedeutung des von der Mutter konstituierten Zeichens „Ein Gewitter zieht auf!“. Wenn danach nichts mehr passiert, ist der Zeichenprozess zu Ende. Wenn aber beispielsweise eine Gruppe Windsurfer angesichts der „angesichts des aufziehenden Gewitters aufbrechenden Familie“ beschließ: „Das bedeutet: Wir können jetzt in den ersten Windböen fantastisch surfen!“, dann hat das Zeichen einen neuen Interpretanten gewonnen.

Beide gleichzeitigen, verschränkten Zeichenprozesse spielen sich ab, sobald „es ein Zeichen gibt“, also vorausgesetzt, dass jemand oder etwas eine Wolke für ein Anzeichen eines Gewitters hält, oder dass Windsurfer die Szene als ein Indiz für perfekte Wetterverhältnisse zum Surfen beurteilen. Eine Wolke kann natürlich andererseits auch komplett anders interpretiert werden – aber das ergäbe dann eben andere Zeichen(prozesse).

Aber immer, wenn ein Zeichen zustande kommt, dann wird das Repräsentamen den Interpretanten dazu bringen, das Objekt so zu relationieren, wie es dies tut, und Repräsentamen und Objekt werden als neues Objekt einen weiteren semiotischen Prozess anstoßen, weil es interpretiert werden muss, um ein Zeichen zu sein.


[1] Was passiert, wenn eine Komponente „fehlt“, bespreche ich einmal in einem separaten Blogeintrag. Im Grunde ist das eine theoretische oder analytische Frage, weil dieser Fall „in Wirklichkeit“ nicht eintreten kann: Wir bekämen es einfach nicht mit, denn dann gäbe es keine Zeichen, und alles, was wir mitbekommen, ist immer schon zeichenhaft.


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