Ich habe in meinem Eintrag „Zeichen:handeln“ vom 27.2.2025 geschrieben, dass Peirce seine Semiotik unter den Titel „Pragmatizismus“ stellte. Nun ist die Semiotik eine so riesige und umfassende Theoriearchitektur, dass man sich wirklich jahrelang intensiv mit einem winzigen Detail darin beschäftigen kann, wie zum Beispiel mit dem Zeichen, also diesem kleinen, basalen Dreieck aus Zeichenmittel, Objekt und Interpretant. Und dann kann man noch näher heran zoomen und das Zeichenmittel unter die Lupe nehmen, und allein über seine Beschreibung könnte man ganze Bücher füllen.
Aber wenn man einen Schritt zurück tritt, wenn man sich überlegt, wozu diese ganzen Zeichen gut sind, dann sieht man die pragmatische Dimension der Semiotik. Eigentlich ist sie der zentrale Baustein der Semiotik, zumindest der von Peirce – und dies in ziemlich deutlichem Kontrast zu den europäischen Semiotiken, wie etwa denen nach de Saussure.
Da ich neulich darüber geschrieben habe, inwiefern jedes Zeichen (dort: jede Aussage oder Feststellung) eine pragmatische Ebene oder gewissermaßen eine Handlungsanleitung impliziert, will ich dies heute noch einmal genauer ansehen.
Stellt euch mal folgende Situation vor:
- Ein Autofahrer sieht beim Fahren auf einer Landstraße ein Straßenschild (Zeichenmittel 1), das vor einem Bahnübergang (Objekt) warnt. Er bremst (Interpretant).
(Die ganze Triade: Straßenschild (Zeichenmittel), Bahnübergang (Objekt des Zeichens) und Bremse-drücken (Interpretant) ist hier das Zeichen.) - Ein Auto hinter ihm sieht die roten Bremslichter des Autos vor ihm (Zeichenm. 2) und bremst auch.
- So geht es mehreren Autofahrern, die jeweils folgen (Zeichenm. 2+n).
- Ein weiterer Autofahrer kommt über den Hügel und sieht schon von Weitem eine lange Schlange wartender Autos mit roten Bremslichtern vor sich (Zeichenm. 3). Er biegt rechts in eine abzweigende Straße ab.
- Ein weiterer Autofahrer sieht seinen Vordermann aus unerfindlichen Gründen rechts abbiegen, denkt aber, der kennt sicher einen Schleichweg (Zeichenm. 4), und folgt ihm.
- usw.
Hier haben wir eine beliebig lange Kette von Zeichen, die weitere Zeichen auslösen.
In der ersten Triade haben wir ein astreines Zeichen, bestehend aus Zeichenmittel, Objekt und Interpretant. – Das funktioniert genauso wie bei einem Wort, nehmen wir „Pusteblume“:

Beim Pusteblumen-Beispiel wird die pragmatische Dimension nicht so deutlich, „no action required!“, könnte man meinen, dies aber eben nur, weil Pusteblumen zum Beispiel kein Hindernis und einigermaßen ungefährlich sind, weil man, außer zu pusten, wenig mit ihnen anfangen kann. Außer man ist Botaniker. Oder man freut sich über den Frühling. Oder man freut sich, draußen unterwegs zu sein. Also: außer der reinen Kognition, gibt es immer eine zumindest minimale Reaktion (= pragmatische Wirkung). Irgendetwas wird die Pusteblume in dir auslösen, und wenn nur die beiläufige Idee, dass sie als Löwenzahn doch hübscher ausgesehen hat.
Hätte ein Zeichen keine (pragmatische) Wirkung, wäre es kein Zeichen. Es wäre bedeutungslos. Wir können es vernachlässigen. Was für eine Bedeutung sollte ein Verkehrsschild, was für eine das Wort „Pusteblume“ oder eine Wolke am Himmel sonst haben, wenn nicht bei ihrer Wahrnehmung irgendeine Reaktion hervorgerufen würde? Wenn die Reaktion auf Wahrgenommenes nie über so etwas wie „Aha.“ Hinaus ginge? (Wobei, streng genommen, sogar noch „Aha.“ als Reaktion gelten könnte.)
Beim Bahnübergang-Beispiel ist die pragmatische Wirkung, die Reaktion, das verursachte Verhalten offensichtlich.
Die Wirkung, die das Zeichen entfaltet, ist das Bremsen des Autofahrers. Worauf ich jetzt aber hinauswill, ist, dass ein Zeichen ganz oft weitere Zeichen anstößt: so wie in dem Beispiel oben: Der erste Autofahrer, der bremst, wird, mit seinen roten Bremslichtern, selbst zu einem Zeichen für einen nachfolgenden Autofahrer, der, aufgrund der Bremslichter vor ihm, ebenfalls bremst usw. – die ganze Kaskade: Ein Zeichen folgt auf ein anderes, alles wird zum Zeichen eines daran anschließenden Zeichens.
Und wenn wir uns unsere Alltagsrealität so ansehen, dann werden wir feststellen, dass wir permanent in solchen Zeichenketten stecken. Dass es also kaum „Einzelzeichen“, isolierte Zeichen gibt. Isolierte Zeichen gibt es eigentlich nur unter „Laborbedingungen“, also z.B. im Sprachunterricht. (Oder bei de Saussure.)
In allen sozialen, kommunikativen oder interaktiven Situationen wird das deutlich: Jemand bemerkt, dass die Magnolien blühen – und schaut, wie sich der Angesprochene daraufhin verhält. Der reagiert darauf, auf dieses Zeichen, beispielsweise begeistert: „Oh wie schön! Lass uns in den Botanischen Garten gehen und sie bewundern!“ Das ist nun ein Zeichen für den Ersten, Geld und Autoschlüssel zusammenzusuchen, um gleich aufzubrechen. Das ist nun ein Zeichen für den Zweiten, einzuwenden: „Ach, lass uns doch lieber Straßenbahn fahren!“. Das ist wiederum ein Zeichen für den Ersten, sein Smartphone zu nehmen, um die Swipe-App des MVV zu laden. Usw.
(Du kannst auch die Probe aufs Exempel machen: Wenn jemand zu dir sagt: „Die Magnolien blühen.“, dann will er was von dir, irgendeine Reaktion. Wenn dann alles in Gang gekommen ist, ihr seid beim Spazierengehen im Botanischen Garten und freut euch des Daseins und die Magnolien blühen in voller Pracht: Hier wird wahrscheinlich niemand sagen: „Die Magnolien blühen.“ – Weil das in dieser Situation bedeutungslos wäre.)
Anders ausgedrückt: Wenn jemand, autofahrend wie im Beispiel oben, ein Bahnübergang-Warnschild sieht, dann wird er es (normalerweise) nicht bei der reinen Kognition: „Aha, ein Bahnübergang-Warnschild.“ belassen – sondern er wird irgendwie reagieren.
Dass wir jedes Zeichen, indem wir es interpretieren, indem wir also darauf irgendwie reagieren, erst zu einem Zeichen machen, wird klarer, wenn wir erkennen, dass jedes Zeichen an sich schon die Form eines logischen Schlusses bildet. (Zu logischen Schlussfolgerungsweisen allgemein habe ich was in den „Grundlagen“ geschrieben.)
Das Zeichen: „Straßenschild – Bahnübergang – Bremse treten“ (siehe Abbildung) in seiner Gesamtheit, ist z.B. ein deduktiver Schluss. So haben wir es in der Fahrschule gelernt: Wenn dieses Straßenschild, dann Bremse treten, weil, Achtung: Bahnübergang.“ Da haben wir eine Regel, und nach dieser Regel handeln wir, wie wir es gelernt haben. Jedes Mal. (Sollten wir jedenfalls.)
Wenn man Peirce’ Zeichenmodell ernst nimmt, und die Rolle des Interpretanten als genuinen Zeichenbestandteil auffasst, so kommt man unmittelbar zur Semiotik als einer Lehre des Zeichenhandelns. Zeichen verstehen, hat also nur zu einem recht kleinen Anteil damit zu tun, einfach kognitiv zu begreifen, was man wahrnimmt, sondern die möglichen Konsequenzen zu erfassen, die sich aus dem Wahrgenommenen ergeben.
Und die Moral von der Geschichte: Wenn euch jemand Zeichen erklären will und das nach dem Schema „x ist ein Zeicehn für y“ macht, denn vergesst besser diese statische Gegenüberstellung von „hier Zeichen und da bezeichnetes Ding. Punkt, fertig.“ So ein statisches Zeichenmodell erfasst nie, wie Zeichen funktionieren. Es taugt nur zur Analyse unter „Laborbedingungen“, wie ich oben schrieb. Und solche identifikatorischen Erklärungen (x = y) können auch nie erfassen, dass und wie Zeichen im praktischen Gebrauch überhaupt erst entstehen.


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