Purpur

Purpur

Wir gehen davon aus, dass alles, was wir wahrnehmen, alles, was unser Bewusstsein in irgendeiner Weise erreicht, als Zeichen wirken kann.

Wenn man darüber nachdenkt, was das alles sein könnte, und wo dann überhaupt die Grenzen des Zeichenuniversums sein könnten, dann kommt man schnell auf die Frage, auf welche Weise ein x-beliebiges Phänomen überhaupt unser Bewusstsein erreichen kann.
Versuchen wir also einmal, die Grenzen des überhaupt Vorstellbaren, Wahrnehmbaren auszuloten!

Stellt euch also vor, vor ein paar Tagen, Anfang März, bin ich durch einen Park gegangen, alles ist noch winterlich karg und dürr, aber dann seh‘ ich auf einer freien Fläche auf einmal ein Meer von Elfenkrokussen (siehe das Bild oben):
Und dies ist eine Wahrnehmung von einem unglaublichen, zarten, blassen und zugleich alles überschwemmenden Purpur!

Nun versucht, alle Kontexte zu vergessen: den Park, die Bäume außenrum, dass es Vorfühling ist, dass diese verrückte Farbe von frühblühenden Krokussen ausgeht – vergesst das alles! – und versucht, nur diese Farbe wahrzunehmen, nichts außer dieser Farbe! Diesen zarten Purpurton.

Ohne alles.

Ich würde sagen, dass diese bloße Wahrnehmung dieses Farbtons eine Grenze unserer Wahrnehmung markiert.
Denn wir sind es gewohnt, eine Qualität wie Farbe immer einem Ding oder einer Vorstellung von etwas zuzuschreiben, dem diese Farbe zukommt, als Attribut. Die Farbe ohne etwas, das so farbig ist, ist beinahe so schwer vorstellbar, wie das Grinsen ohne Katze in „Alice im Wunderland“. Wir können uns ein Kleidungsstück in diesem Purpurton vorstellen, eventuell ein mit Zuckerguss überzogenes Törtchen, oder eben Elfenkrokusse: aber nur die Farbe? Ohne alles? Das ist schwerer.

Denn das ist die Wahrnehmung einer reinen Qualität. Die Farbe als reines an sich und für sich Sein, ohne jeden Bezug auf etwas anderes. Und da wir versuchen, es wahrzunehmen ohne Bezug auf etwas, also ohne Verkörperung beispielsweise in Elfenkrokussen, ist es eine reine Möglichkeit.

Das ist eine Wahrnehmungskategorie. Und von solchen Kategorien gibt es in der Semiotik drei.
Peirce nennt sie der Einfachheit halber Erstheit, Zweitheit und Drittheit. Diese reine, unbedingte Qualität der Farbe ist Erstheit.

Zweitheit ist demgegenüber die Wahrnehmung von etwas konkret Hier-und-Jetzigem, ein Widerstand, etwas akut oder aktuell sich Manifestierenden: Es hat immer mit Reaktion zu tun oder mit Faktizität.
Peirce bringt folgendes Beispiel: Man drückt mit der Schulter gegen eine angelehnte Tür – sie gibt unter dem Druck etwas nach. Das ist jede Form von Widerständigkeit, die uns in der konkreten Welt ständig begegnet. Es ist eine Art Relation: Druck und Widerstand. Diese Art der Wahrnehmung von etwas aktuell Hier-und-Jetzigen, das zwingend einfach da ist, ist völlig verschieden von der Qualität als einer Möglichkeit. Das ist Zweitheit.

Drittheit ist schließlich die Welt des Begreifens, die Welt der Repräsentation, der Gesetzmäßigkeiten und der Interpretation.

Stell dir vor, du erwachst aus einem tiefen Schlaf in einem völlig dunklen Raum, du kannst nichts erkennen und tastest dich durch die Dunkelheit. Solange du absolut nichts wahrnimmst, außer eben der Dunkelheit, hast du den Eindruck einer reinen Qualität oder Möglichkeit: Schwärze ist alles, was du wahrnimmst.

Aber plötzlich triffst du, vorwärts tastend, auf einen harten Gegenstand: autsch! Das ist Zweitheit.

Aber, in der Dunkelheit herumtastend, läufst du mehrere Male gegen dieses Etwas, an dem du dich schmerzhaft stößt, dann beginnst du, mit diesem Hindernis in der Dunkelheit zu rechnen, uns betastet es, nach einiger Zeit, weißt du, wie du dich bewegen musst, um nicht dagegen zu stoßen: das ist das Interpretieren, die Einsicht in die Gesetzmäßigkeit (dass da nach so und so vielen Schritten etwas Hartes ist), die Interpretation der Situation – das ist Drittheit.

Das sind, Peirce zufolge, die drei universellen Kategorien der Art und Weisen, wie etwas unser Bewusstsein überhaupt erreichen kann: 1. Qualität oder Möglichkeit, 2. Reaktion oder Faktizität, und 3. Gesetzmäßigkeit oder Interpretation.

Probiert das mal aus: Könnt ihr euch fundamentalere Möglichkeiten vorstellen, als 1. wie 2. etwas 3. ist?
Denn das ist die Grundstruktur: Alles was konkret ist (2.: Faktizität), ist (3.: (Da)Sein, Gesetz) ja irgendwie (1.: Qualität)
Alles, was überhaupt wahrnehmbar ist, lässt sich in diesen drei Kategorien fassen. Es gibt keine vierte, die sich nicht auf diese drei zurückführen lassen würde.

Und diese drei Wahrnehmungskategorien kehren natürlich in den Zeichen wieder. So können wir uns beispielsweise überlegen, was das Ikon mit Erstheit, der Index mit Zweitheit und das Symbol mit Drittheit verbindet.


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