In meinem Blogeintrag “brute force“ vom 18.4.2025 habe ich den Streit zwischen Peirce und William James vorgestellt, der ein Streit zwischen Realismus und Nominalismus war. Er dreht sich im Kern um die pragmatische Maxime, die Peirce selbst beschrieben hat als eine Methode der Reflexion mit dem Ziel der Klärung der Gedanken (siehe CP 5.13) Die Betonung liegt hier auf Methode, denn seine Maxime (sic!), also diesen Leitspruch oder diese Regel des Handelns und Wollens soll nicht als Weltanschauung missverstanden werden. Aber genau das war es, was James daraus gemacht hatte: eine Art Nützlichkeitsdenken.
Hiervon ist Peirce‘ pragmatische Maxime weit entfernt. In ihrer ursprünglichen Formulierung lautet sie so:
Consider what effects, that might conceivably have practical bearings, we conceive the object of our conception to have. Then, our conception of these effects is the whole of our conception of the object. (5.402)
Auf deutsch also: „Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Bedeutung haben können, wir dem Gegenstand unseres Begriffes zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen der ganze Umfang unseres Begriffs des Gegenstandes.“
Wenn du also einen Begriff (eines Objekts), ein Konzept begreifen willst, dann überlege dir, welche Wirkungen überhaupt er entfalten könnte, also welche Tragweite er hat! Dieses gesamte, denkbare Wirkungsspektrum bildet dann sozusagen den Umfang deines Begriffs (von einem Objekt). Damit meint Peirce aber nicht, oder jedenfalls ganz bestimmt nicht nur bestimmte, einzelne, konkrete Handlungen oder Konsequenzen, aus denen diese Wirkungen bestehen, sondern eine Art allgemeiner Idee als Endergebnis, so wie das „Finale einer Symphonie von Gedanken“ (CP 5.402). Hier bietet sich also die deutsche Übersetzung von bearings mit „Tragweite“ an.
Diese pragmatische Maxime ist so enorm bedeutsam für Peirce‘ Werk, sie kann als Fundament seiner Philosophie, des Peirce’schen Pragmatizismus gelten, als Grundlage für die Frage, wie wir zu Überzeugungen kommen oder Gewohnheiten ändern können – sie enthält das alles.
Alles, was du wahrnimmst, kann als Zeichen fungieren – und tut dies, sobald du nach seiner Bedeutung fragst. Und sobald du nach der Bedeutung eines Zeichen fragst, kannst du diese Frage gemäß der pragmatischen Maxime stellen: Was für eine Tragweite hat der Begriff? Welche denkbaren Konsequenzen ergeben sich daraus?
Im Blogeintrag „brute force“ hatte ich als Beispiel den Begriff „Freiheit“ erwähnt. An ihm wird schnell deutlich, dass der Begriff nicht nur alle möglichen, konkreten Freiheiten meint, die ich mir unter bestimmten Umständen nehmen kann, sondern darüber hinaus eine umfassendere Art Idee – die ihrerseits weitere Ideen umspannt, wie „Autonomie“, „Möglichkeit“, „Zwanglosigkeit“ usw., und die über einzelne, konkrete Freiheiten hinausgeht.
Hier sind also Zweitheit und Drittheit im Spiel: Zweitheit beträfe alle unmittelbaren Reaktionen, faktische Reaktionen auf konkrete Vorkommnisse des Begriffs – Drittheit, also das von Peirce hier Intendierte betrifft die über diese konkreten „Reaktionen“ hinausgehende Idee, die Disposition, die der Begriff entfaltet, oder eben die Tragweite aller faktischen, aber auch aller möglichen oder evtl. zukünftigen Handlungen oder Konsequenzen.)
Aber William James verkürzt diese ganze, wunderbare und hochkomplexe Maxime, und formuliert sie seinerseits so:
„To attain perfect clearness in our thoughts of an object […] we need only consider […] what sensations we are to expect from it, and what reactions we must prepare. The ultimate test for us of what a truth means is indeed the conduct it dictates or inspires. But it inspires that conduct because it first foretells some particular turn to our experience which shall call for just that conduct from us.“
(William James: Collected Essays and Reviews. Ed. R. B. Perry. New York: Longmans, Green, 1920), pp. 411-12)
Man muss das sehr genau lesen, um die Verschiebungen in den beiden Aussagen zu erkennen. Hier trennt sich James Pragmatismus von Peirce‘ Pragmatizismus.
James formuliert hier zum Einen, dass es ihm um absolute Klarheit des Gedankens geht. Das hat Peirce aber gar nicht gemeint. Ihm geht es vielmehr einfach um das Ganze (den gesamten Umfang) der denkbaren Wirkungen des Begriffs des Objekts.
Peirce kann es gar nicht um die völlige Klarheit des Gedankens gehen, weil es die überhaupt nicht gibt und geben kann! Das liegt in der Natur des Zeichens. Denn Zeichen sind immer in einem gewissen Maß vage, sonst wäre sie keine Sache der Interpretation. Und wir haben nichts anderes als Zeichen.
„Freiheit“, um bei unserem Beispiel zu bleiben, ist ein Begriff, über dessen Interpretationswürdigkeit (und insofern: über dessen Vagheit) wohl kein Zweifel besteht. Nehmen wir einen schlichteren Begriff als Beispiel: „Flut“. Nun können wir uns auf die Definition einigen, der Begriff meine das Ansteigen des Wasserstandes im Verlauf der Gezeiten. Aber diese Definition stellt uns sicher nicht zufrieden, wenn wir wissen wollen, was „Flut“ bedeutet. Und sie reicht bei Weitem nicht, um das zu bezeichnen, was Peirce‘ Maxime mit den denkbaren Wirkungen des Begriffs meint, die Tragweite des Begriffs, und die in ihrem gesamten Umfang letztendlich so etwas wie die Idee von „Flut“ evoziert.
Und das bedeutet zweierlei: Nämlich erstens, dass jeder Begriff in gewissem Sinn vage ist, und zweitens, dass Vagheit die Eigenschaft jedes Zeichens ist. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass jeder Begriff nur durch weitere Begriffe oder Zeichen bestimmt werden kann (siehe hierzu mein Blogeintrag „Zeichenkette“ vom 2.4.2025), und, wäre ein Etwas so vollkommen individuell und determiniert, dass es nicht in gewissem Sinne vage wäre, dann könnte es nicht als Zeichen fungieren. – Das wäre außerhalb unseres Wahrnehmungsvermögens und insofern unreal. (vgl. CP 3.93)
Für Kenner der Psychosemiotik Jacques Lacans: Das solcherart völlig determinierte, nicht interpretierbare Zeichen oder Objekt wäre das Reale.
Das alles blendet James aus – bei ihm schließen keine Begriffe an Begriffe an, ihm geht es um „perfect clearness“ des Gedankens, ihm geht es ums Faktische, ums Konkrete. Peirce geht es dagegen einfach um den Umfang des Begriffs, um die Idee, auf die er hinausläuft.
Zum Anderen erwartet sich James von dieser perfekten Klarheit, „what sensations we are to expect from it, and what reactions we must prepare”, also welche Sinneseindrücke oder Empfindungen wir (in unseren Gedanken) von dem Objekt (nicht von dem Konzept!) zu erwarten und auf welche Reaktionen wir uns einstellen müssen.
Peirce versucht seine Maxime gegen James’ Auslegung zu schützen, und er schreibt: „If it be admitted, on the contrary, that action wants an end, and that that end must be something of a general description, then the spirit of the maxim itself, which is that we must look to the upshot of our concepts in order rightly to apprehend them, would direct us towards something different from practical facts, namely, to general ideas, as the true interpreters of our thought.“ (CP 5.3)
Ihm geht es also ausdrücklich um etwas anderes als praktische Tatsachen. Zwar gibt es in Peirce‘ Maxime diese implizite Handlungsaufforderung, an andere Stelle hebt er sie sogar hervor:
„Pragmatismus ist das Prinzip, dass jedes theoretische Urteil, das in einem Indikativsatz ausdrückbar ist, eine unklare Form des Denkens ist, deren einzige Bedeutung, wenn sie eine besitzt, in der Tendenz liegt, eine korrespondierende praktischen Maxime zu verstärken, die als ein Konditionalsatz, dessen Nachsatz im Imperativ steht, ausdrückbar ist.“ (CP 5.18)
Diesen Satz habe ich in „Zeichen:handeln“ vom 27.2.2025 diskutiert in Hinblick darauf, dass jede Aussage, wenn sie etwas aussagt, eine Art Handlungsaufforderung oder -anweisung impliziert. (Der „Begriff“/die Aussage: Die Magnolien blühen.“ Impliziert dann denkbarerweise die Aufforderung: „Los komm, lass uns rausgehen, ins Freie!“)
Tatsächlich handelt sich bei diesem Satz um eine Ergänzung (1903) seiner pragmatischen Maxime aus dem Jahr 1878.
Aber Peirce‘ Maxime muss hier genau gelesen werden. Er spricht von den “effects, that might conceivably have practical bearings” (Hervorhebung von mir), also von den Effekten, die denkbarerweise, vorstellbarer- oder absehbarerweise praktische Bedeutung haben könnten.
Die praktische (Aus-)Wirkung ist also bei beiden da, bei Peirce wie bei James, aber es geht Peirce eben um die Tragweite aller denkbarer (faktischer, möglicher und zukünftiger – oder: logischer) Reaktionen, nicht nur der konkret hier-und-jetzigen, auf die James abzielt.
James betrachtet Gedanken als bestehend aus Sinneseindrücken (sensations), wohingegen Peirce auf eine Art allgemeiner Idee hinauswill, nicht auf einzelne Sinnesdaten. James spricht von Verhalten als basierend auf einzelnen, konkreten Erfahrungen, Peirce von Arten von Erfahrung. Hier zeigt sich genau die Unterscheidung zwischen dem nominalistischen und dem realistischen Standpunkt: James‘ Nominalismus begreift menschliche Erfahrung als unmittelbare Reaktion auf seine Umwelt – und das entspricht so ziemlich genau dem, was Peirce als Zweitheit beschreibt: Aktion und Reaktion! Druck und Widerstand! Zwang, brute force! – das ist eine Sache zwischen aktuell, hier-und-jetzt gegebenen Fakten.
Peirce hingegen will auf Drittheit hinaus, auf „something different from practical facts, namely, to general ideas”, nämlich eben jenes „Finale einer Symphonie von Gedanken“.
Das, diese Tragweite eines Begriffs, ist mehr als das, was einfach stattfindet. Es umschließt auch das Mögliche und das Absehbare: das Prognostizierbare. Das ist Drittheit. Es ist Logizität. Und dieser Dimension des Bedeutungsumfangs eines Begriffs weist Peirce eine eigeständige Kategorie der Wirklichkeit zu: die Drittheit.
So lässt sich sagen: Für James (Nominalismus) gibt es nur Faktizität, schiere Reaktion, also Zweitheit; für Peirce (Realismus) gibt es außerdem: Gesetz, Logizität, Regularität, also Drittheit.
Drittheit hat im Nominalismus von James keinen Platz. Sein Pragmatismus läuft auf eine Art Nützlichkeitsdenken hinaus, einer pragmatischen Welthaltung, derzufolge gemäß seiner Umdeutung der pragmatischen Maxime von Peirce das Wahre „die Bezeichnung für alles [sei; N.O.], was sich im Rahmen von Überzeugungen und aus exakten, klar angebbaren Gründen als gut erweist“ (William James: Pragmatismus. Ein neuer Name für einige alte Denkweisen, Darmstadt 2001, S. 75), dass letztendlich also das „wahr ist, was zu glauben für uns besser ist“ (ebd. S. 76). Diese recht populäre Deutung des Pragmatismus ist denkbar weit entfernt von dem Pragmatizismus, wie Peirce ihn formulierte.
James‘ Pragmatismus ist, trotz seiner Popularität, viel kritisiert worden – zurecht, wie ich finde – und deshalb will ich hier auch gar nicht weiter auf James eingehen.
Was mich hierbei vor allem interessiert, ist, dass Peirce mit seiner pragmatizistischen Maxime im Kern die wesentlichen Punkte seiner Semiotik in komprimiertester Form anspricht, nämlich die Handlungsdimension seiner Zeichentheorie, die Wichtigkeit und Eigenständigkeit einer realistischen Position, markiert mit der Kategorie der Drittheit (dem Gesetzmäßigen, Prognostischen, der Idee), mit der sein Pragmatizismus deutlich von der nominalistischen Position abgehoben werden kann, der Unabschließbarkeit der Semiose (an jeden Begriff schließen weitere Begriffe resp. Interpretanten an) – und sogar eine allgemeine Semantik.
Sehr zugespitzt könnte man nämlich formulieren, dass man die Klärung eines Begriffs oder Konzepts mit einem „wenn-dann-Satz“ ausdrücken könnte: „Wenn Freiheit, dann…“, „Wenn Flut, dann…“, „Wenn Magnolienblüte, dann…“: Was jeweils hinter dem „dann“ – denkbarerweise – kommen kann, ist in der Gesamtheit die Bedeutung oder „Tragweite“ des Begriffs.
Wenn man es genau bedenkt, dann kommt man auch bei sprachlichen Zeichen zu der Erkenntnis, dass ihre jeweilige Erklärung in nichts weiter besteht, als in der Beschreibung der ihrer jeweiligen Wirkungen und Konsequenzen. Und, um das noch einmal zu verdeutlichen, nicht wie bei James, in der konkreten Reaktion im Hier und Jetzt gemäß irgendwelcher Nützlichkeitskriterien, sondern wie Peirce schreibt:
„If it be admitted, on the contrary, that action wants an end, and that that end must be something of a general description, then the spirit of the maxim itself, which is that we must look to the upshot of our concepts in order rightly to apprehend them, would direct us towards something different from practical facts, namely, to general ideas, as the true interpreters of our thought.” (CP 5.3)


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