Lange Zeit bin ich mit dem Zug gependelt, bei jeder Fahrt, hin und zurück, fuhr der Zug kurz nach bzw. vor Hintertupfingen jedesmal an einer langgezogenen Anhöhe vorbei und jedesmal tauchte dort, hinter dem Hügel, auf einmal die Zwiebel eines Kirchturms auf:



Mehr nicht. Gerade nur die Zwiebel.
Seit Jahren denke ich mir jedesmal beim Vorbeifahren: Wer hat da so saublöd die Kirche hingestellt, dass man nur die Zwiebel sieht!?
Aber dann war ich in Madrid im Prado und habe dort den „Hund“ von Goya gesehen:

Und da wurde mir schlagartig klar: Die Kirche stellt die Szene des großen Meisters nach! Heureka!

Dieser Heureka-Moment ist eine Abduktion. Peirce schreibt:
The abductive suggestion comes to us like a flash. It is an act of insight, although of extremely fallible insight. It is true that the different elements of the hypothesis were in our minds before; but it is the idea of putting together what we had never before dreamed of putting together which flashes the new suggestion before our contemplation. (CP 5.181)
Dieser Zauber der Problemlösung, bei der uns die Lösung blitzartig in den Sinn kommt, ist durchaus charakteristisch für den abduktiven Schluss und zeigt zugleich sein kreatives Potential.
Die Situation kennt sicher jeder: Man brütet über einem Problem und kommt einfach auf keine Lösung, man gibt sich geschlagen und geht Geschirr spülen oder den Müll runter bringen – und genau da: Heureka! Ist die Lösung da! Wie aus dem Nichts! Sonnenklar steht sie plötzlich vor euch.
Tatsächlich waren die einzelnen Elemente schon vorher da, aber ihr wärt nie im Leben auf die Idee gekommen, sie zu kombinieren!
Trotzdem nennt Peirce diese blitzartige Einsicht extrem fallibel, also extrem unsicher. Und so scheint es sich auch bei meinem Kirchtum-Beispiel um eine doch recht gewagte Hypothese zu handeln. Egal! – als es mir im Prado wie Schuppen von den Augen fiel, hat mir die Idee gefallen.


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