Grundlagen
- Zeichenbegriff
- Schlussfolgerungsweisen
Grundlagen des Peirce’schen Zeichenbegriffs
Die hier besprochene Zeichentheorie basiert auf der Semiotik von Charles S. Peirce. Sie ist meines Erachtens die schönste und mächtigste Semiotik. Sie erklärt am meisten.
Das zentrale Konzept der Semiotik ist das Zeichen selbst, das Peirce zufolge aus drei Bestandteilen besteht: 1. Dem Zeichenmittel, also das, was unmittelbar als Zeichen vor unserem Bewusstsein oder vor unseren Augen steht, beispielsweise ein ausgestreckter Zeigefinger, 2. dem Objekt des Zeichens, also das Gemeinte, in diesem Beispiel das, worauf der Zeigefinger hinweist, und 3. dem Interpretanten, also demjenigen, der dieses Zeichenmittel (Zeigefinger) als Hinweis auf etwas deutet oder interpretiert, das sich in einer bestimmten Entfernung befindet.
Nun muss ich zeichnen, sorry, ich bin nicht geschickt darin: Das Dreieck mit Zeichen(mittel), Objekt und Interpretant. Das ist das Basisschema, das für alle denkbaren Zeichen gilt, es wird nur jeweils variiert.

Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem Zeigefinger. Das ist ein sehr intuitives Zeichen(mittel), denn jeder weiß sofort; Der Finger will etwas anzeigen, dort wo er hinzeigt. Zum Beispiel zeigt er auf eine Blume.

Im Grunde ist das die Struktur jedes Zeichens. Wir haben immer:
- etwas, das unsere Aufmerksamkeit erregt (in diesem Beispiel der Zeigefinger)
- etwas, das von diesem Zeichenmittel gemeint ist (die Blume)
- etwas/jemand, der das so begreift: Dies (Finger) ist ein Zeichen für das (Blume).
Unser Beispiel ist sehr einfach, aber im Grunde könnt ihr jedes Zeichen auf diese Dreicksstruktur zurückführen: Ihr seht dicke, schwere Wolken aufziehen; ihr denkt euch „Oh, es könnte ein Gewitter geben!“. (Wolke = Zeichenmittel, Gewitter = das Gemeinte/Objekt: Gewitter). Usw.
Zwei Sachen sind entscheidend: 1. Wie ihr ein Zeichen interpretiert, ist eure Sache. Ob ein Zeichen inwiefern für was auch immer steht, hängt von eurer Interpretation ab. (In vielen Fällen haben wir uns darauf geeinigt, bestimmte Zeichen ähnlich zu interpretieren, sonst würde Kommunikation ziemlich kompliziert, aber letztendlich ist die Interpretation eure Sache – die des Interpretanten.) Und nur durch eure Interpretation kommt ein Zeichen(dreieck) zustande. 2. Ein Zeichen kann also nur „entstehen“, wenn ihr auf eine Wahrnehmung irgendwie reagiert: Wenn dieses Zeichen(mittel) also irgendetwas in euch auslöst, sei es, dass ihr es euch deutet oder, indem ihr durch eine Handlung reagiert.
Wenn ihr – um in unserem Beispiel zu bleiben – einen ausgestreckten Zeigefinger seht, dann könnt ihr völlig unterschiedlich darauf reagieren. Ihr könnt dort hinsehen, wo der Finger hinzeigt. Dann nehmt ihr den Finger als Zeichen für die von ihm gezeigte Blume. Oder aber: Ihr seht in einem ausgestreckten Finger ein Zeichen für schlechte Manieren, denn „mit dem Finger zeigt man nicht!“ Dann ist das also ein komplett anderes Zeichen, nämlcih keines für „Blume“, sondern eins für „schlechte Manieren“.
Zeichen sind also nur dann Zeichen, wenn sie in dir etwas bewirken (eine Interpretation, eine Reaktion) – und was sie in dir bewirken, hängt von dir (dem Interpretanten) ab. So kann man definieren:
Was ein Zeichen in dir bewirkt oder auslöst, ist die ganze Bedeutung des Zeichens.
Genauer: Was ein Zeichen in dir bewirkt oder auslöst ist für dich die ganze Bedeutung des Zeichens. (Denn ob das Zeichen in anderen dasselbe auslöst, ist ja nicht gesagt.)
Wenn bis hier alles so weit klar ist, dann wissen wir vor allem auch: Die Theorie der Zeichen ist keine Theorie der Wörter (keine Sprachwissenschaft oder Linguistik), sondern viel, viel, viel umfassender: Es gibt ja eigentlich nichts, was nicht irgendwie auf uns wirken könnte!
Wir können aber noch etwas folgern: Das oben angeführte Beispiel ist deshalb einfach, weil hier das Zeichen(mittel) sehr deutlich als Hinweis, als Index auf das Objekt fungiert, das gemeint ist. Es ist nicht das Gemeinte, aber es verweist deutlich darauf. Nun gibt es aber Zeichen die anders funktionieren:
Stellt euch vor ihr betrachtet das Bild der „Mona Lisa“ im Louvre. Natürlich könnt ihr dieses Portrait als starken Hinweis, als Index auf die Person betrachten, die einmal Modell für das Bild stand. Aber in den meisten Fällen ist es nicht das, was uns an dem Bild fasziniert. Was es vielmehr zu bezeichnen scheint, ist eine sehr mysteriöse, feine Schönheit. Also eher eine Art Idee. Aber wenn ihr eben genau das in dem Bild seht, wenn solche Empfindungen in euch ausgelöst werden, diese unfassbar rätselhafte Schönheit, dann ist eben genau das die von euch erzeugte Bedeutung dieses Zeichens (des Bildes). Das Bild bedeutet dann Schönheit, indem es Schönheit zeigt. Das ist ein Ikon.
Es gibt drei Kategorien von Zeichen(mitteln): Ikons, Indices, und Symbole
Sprachliche Zeichen, also Wörter zum Beispiel, sind in unserer Semiotik gewissermaßen Sonderzeichen. Es sind Symbole. Sie weisen nicht, wie der ausgestreckte Finger, auf etwas hin. Sie sind konventionell, wir haben vereinbart und tradiert, dass wir sie verwenden, dass wir so sprechen, wie wir sprechen. Ein Wort wie „Frosch“ hat absolut nichts an sich, was auf einen Frosch verweisen würde – außer, dass wir uns irgendwann mal darauf geeinigt haben, diese liebenswürdigen Tierchen eben so zu bezeichnen.
Das Wort „Frosch“ hat auch keine Ähnlichkeit mit einem Frosch, es klingt nicht wie ein Frosch, es sieht nicht so aus. Es ist ein reines Symbol. Es funktioniert anders als ikonische Zeichen, die durch Ähnlichkeit auf das verweisen, was sie meinen – so wie die „Mona Lisa“: Ein Smiley ist ein Ikon: Er sieht aus wie ein lachendes Gesicht. So ähnlich jedenfalls. Auch wenn es auf der ganzen Welt kein menschliches Gesicht gibt, das wie ein Smiley aussieht.
Damit haben wir nun schon mal die wichtigsten Elemente eines Zeichens: Es besteht immer aus dem Dreieck von Zeichen(mittel), Objekt und Interpretant; und das Zeichenmittel hat drei Möglichkeiten, sich auf sein Objekt (das Gemeinte) zu beziehen, nämlich als Index (Zeigefinger), als Ikon (Mona Lisa, Smiley) oder als Symbol („Frosch“).

- Ein Index oder indexikalisches Zeichen ist durch eine starke Relation mit seinem Objekt verbunden, beispielweise eine Kausal- oder räumlichen oder Angrenzungsrelation. Beispiele wären: Wo Rauch (Zeichenmittel), da Feuer (Objekt); wenn ich Fußspuren im Sand entdecke, dann muss da jemand vorbeigelaufen sein. Oder: Ich sehe die Fotografie eines Menschen: also muss da ein Mensch einem Fotografen Modell gestanden haben.
- Ein Ikon oder ikonisches Zeichen bezieht sich durch Ähnlichkeit auf sein Objekt, siehe zum Beispiel der Smiley. Die Blume, die ich weiter oben gezeichnet habe, bezieht sich auf irgendeine Blume, und obwohl ich sie sehr schlecht gezeichnet habe und es nirgends auf der Welt eine Blume gibt, die so aussieht, wie meine gezeichnete, so kann man in meiner Zeichnung doch eine gewisse Ähnlichkeit zu „Blume“ erkennen. (Hoffe ich.) Eine Portraitfotografie ist nun beides: ein Index (siehe oben) und zugleich ein Ikon, denn das Portrait sieht der oder dem Portraitierten ja auch ähnlich. Ich kann das Zeichen also als Index und zugleich als Ikon interpretieren.
- Ein Symbol oder symbolisches Zeichen bezieht sich nur per Konvention, per Vereinbarung auf sein Objekt. Sprache funktioniert so. Aber auch z.B. ein Symbol wie das Peace-Zeichen ☮️ funktioniert nur, weil wir es so vereinbart haben. Es hat keine Ähnlichkeit mit seinem Objekt, dem Frieden. Und es steht auch in keiner etwa kausaler Relation zu Frieden. Es ist rein symbolisch.
Jedes überhaupt vorstellbare Zeichen lässt sich auf die Triade von Zeichenmittel, Objekt und Interpretant zurückführen, und jedes Zeichen(mittel) lässt sich auf die drei, Index, Ikon und Symbol zurückführen. Es gibt kein Viertes, das sich nicht in diese Drei auflösen lassen würde.
Die Schlussfolgerungsweisen
Zeichen entstehen, so haben wir gesehen, immer im interpretierenden Gebrauch: Die Wirkung eines Zeichens, also das, wozu es uns veranlasst, ist die entscheidende Zeichenkomponente, die wir den „Interpretanten“ genannt haben. Zeichen sind etwas, worauf wir reagieren – wenn nicht, wären sie keine Zeichen.
Wenn wir einer Wahrnehmung nun eine Reaktion oder Handlung folgen lassen, so tun wir das – mehr oder weniger bewusst – in Form von Schlussfolgerungen. Egal, ob wir folgerichtig schließen oder Fehlschüsse treffen, was auch immer wir tun: wir schließen. Und dafür gibt es drei Möglichkeiten:
Aus der Logik kennen wir 1. die Deduktion, 2. die Induktion und zu diesen hat die Peirce’sche Semiotik noch 3. die Abduktion hinzugesellt. Ich zeige jetzt mal diese Schlussfolgerungsweisen in einem recht simplen Schema, das aber verdeutlicht, was da genau passiert.
Ihr kennt alle den berühmten Schluss: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also ist er sterblich.“ Das ist eine Deduktion. Die Deduktion geht von einer allgemein gültigen Regel aus „Alle Menschen sind sterblich“, betrachtet sich einen konkreten Fall, „Sokrates ist ein Mensch“ und schließt auf das Resultat „Also ist er sterblich. Schematisch kann man das so skizzieren:
Regel: Alle Menschen sind sterblich.
Fall: Sokrates ist ein Mensch.
Konklusion: Resultat: Sokrates ist sterblich.
Nehmen wir mal eine andere Regel, sagen wir: Alle Sonnenblumen sind gelb. (Nicht alle Regeln sind so sicher wie die von der Sterblichkeit aller Menschen. Hier geht es mir aber nur um die Form des Schließens, also lasst uns einfach davon ausgehen, dass alle Sonnenblumen gelb sind.) Das Schema der Deduktion würde also so aussehen:
Regel: Alle Sonnenblumen sind gelb.
Fall: Dies ist eine Sonnenblume.
Konklusion: Resultat: Also ist sie gelb.
Nehmen wir nun die Induktion: Bei der Induktion schließen wir nicht von Regel und Fall auf das Resultat, sondern von einem Fall und einem Resultat auf eine allgemeine Regel. Ganz simpel ausgedrückt, wir verallgemeinern von Fall und Resultat auf die Regel. In unserem Schema müssen wir dazu nur die drei Bestandteile entsprechend umgruppieren:
Fall: Dies ist eine Sonnenblume.
Resultat: Sie ist gelb.
Konklusion: Regel: Alle Sonnenblumen sind gelb.
Bei der Induktion sind wir Empiriker: Wir haben immer wieder Sonnenblumen gesehen – und jedesmal waren sie gelb! Das verleitet uns zu dem Schluss, dass die allgemeine Regel gilt: Alle Sonnenblumen sind gelb.
Nun kommen wir zu Abduktion, indem wir unsere drei Sätze noch einmal umgruppieren. Denn in der Abduktion schließen wir von einem Resultat (gelb) und einer vielleicht ad hoc erfundenen, versuchsweise eingesetzten Regel (also einer Hypothese) auf einen Fall (Sonnenblume), der dann das zunächst unerklärliche Phänomen (Sie ist gelb!) plausibel machen würde (Klar: Sie ist eine Sonnenblume!). Das sieht dann so aus:
Resultat: Sie ist gelb.
Regel: Alle Sonnenblumen sind gelb.
Resultat Fall: Dies ist eine Sonnenblume.
Die Abduktion ist extrem unsicher!
Deduktion ist ziemlich sicher: Wir haben eine feste Regel, und alles was unter diese Regel fällt, entspricht der Aussage der Regel. Die Induktion ist schon nicht mehr ganz so sicher: Es könnte sich zeigen, dass es auch andersfarbige Sonnenblumen gibt. Die Abduktion ist völlig unsicher. Die Hypothese, dass eine gelbe Blume, weil alle Sonnenblumen gelb sind, eine Sonnenblume sei, ist eine sehr gewagte Hypothese. Es könnte auch eine Sumpfdotterblume sein. Oder ein Löwenzahn. Oder, oder…
Worum es mir bei dieser Darstellung der Schlussfolgerungsweisen geht, ist zweierlei:
- Ihr „Mechanismus“, den man durch die Umstellung der drei Sätze in den Prämissen und der Konklusion sichtbar machen kann. In der Deduktion gehen wir von einer gegebenen Regel, einem Gesetz oder einer Überzeugung aus – die Konklusion erscheint zwingend. Bei der Induktion schließen wir auf eine Regel. Nur in der Abduktion wird eine Regel entworfen, um ein Phänomen erklärbar zu machen.
- Die Abduktion ist höchst fallibel! Ob der Schluss ein richtiges Ergebnis liefert, ist äußerst fraglich; man sieht das am Beispiel der Sonnenblume gut. Die Abduktion ist ein abenteuerliches, riskantes Unternehmen.
Dennoch ist die Abduktion die entscheidende Schlussfolgerungsweise, die am Beginn jeder kreativen Tätigkeit, am Beginn jedes wissenschaftlichen Experiments oder überhaupt wissenschaftliche Forschung steht. Die Abduktion ermöglicht es, überhaupt neue Ideen zu entwickeln.
