Bild: Süddeutsche Zeitung, 18.06.2025, Foto von Sebastian Beck
Peirce‘ semiotisches Verständnis der Welt impliziert, dass der Mensch sozusagen von Natur aus zwischen Zweifel und Überzeugung schwankt. In einer Lebenswirklichkeit zu leben, die von Überzeugungen geprägt, getragen und geordnet ist, ist dabei eine Idealvorstellung, das Ziel; seine ganzen Aktivitäten richtet der Mensch darauf ein, in Gewissheit und aus Überzeugung zu handeln und zu existieren. Und zwar ganz einfach deshalb, weil andernfalls der Zweifel herrschen würde, und der ist schlecht zu ertragen. Wann immer sich Ungewissheit oder Zweifel einstellt, bedeutet das einen Zustand der Unzufriedenheit, er ist störend, einfach nicht gut auszuhalten, wir sind immer darum bemüht, Ungewissheit und Zweifel zu beseitigen. Zweifeln ist ein unangenehmer Zustand, Überzeugungen bieten Seelenfrieden und allgemeine Zufriedenheit.
Aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist der Zweifel aber der Anstoß dazu, überhaupt die Notwendigkeit und Anstrengung des Denkens auf sich zu nehmen, um zu Überzeugungen, und damit Zufriedenheit zu gelangen. Ohne Zweifel, kein (mühsames) Nachdenken; aber das würde auch bedeuten, auf jede Art von Fortschritt und Erweiterung des Wissens zu verzichten (sofern diese einem nicht einfach zufallen, was eher selten ist).
Kenner der Lacanschen Psychoanalyse (bzw. -semiotik) werden hier eine Parallele bemerken zu dem Schwanken des Menschen zwischen Begehren und Genießen (siehe mein Blogeintrag „Dopamin Fasten“ vom 10. Juni 25). Dies umso mehr, als man Zweifel auch als eine Art Unruhe oder Erregung bezeichnen kann, die aus psychologischer Sicht ein Zustand ist, den es zu überwinden gilt.
Zufriedenheit ist ein Zustand, den man ungern verlassen möchte, Zweifel hingegen einer, der Ungemach bedeutet, er muss überwunden und Überzeugung bzw. Zufriedenheit wieder hergestellt werden.
In seinem Essay „The Fixation of Belief“ nennt Peirce nennt vier Methoden, um Überzeugungen zu festigen, sie mögen auf den ersten Blick trivial wirken: die Methode 1.) des Beharrens, 2.) der Autorität, 3.) die apriorische, und 4.) die wissenschaftliche. Der Witz daran ist, wie Peirce die Strategien unterscheidet, mit denen Überzeugungen gefestigt werden können. In der Alltagswirklichkeit wird man permanent Mischformen dieser Methoden finden, in der Analyse lassen sie sich hier aber scharf voneinander trennen.
Die erste Methode zur Festigung der Überzeugung ist die des Beharrens. Sie muss kaum erläutert werden: Überzeugungen werden bei ihr nicht durch Argumente gefestigt, sie brauchen gar keine Argumente, ihre Festigung erfahren sie durch ihre Gewohn(t)heit, sie sind eher psychologisch zu erklären, wie ich bereits angedeutet habe: Auf einer Überzeugung zu beharren bedeutet, zufrieden bleiben zu wollen; sie ist einem lieb geworden und man meidet alles, was sie in Frage stellen könnte. Im Grunde handelt es sich um die Vogel-Strauß-Methode, den Kopf in den Sand zu stecken, sobald wir unsere Gewohnheit gefährdet sehen – sie kommt in allen konservativen Haltungen zum Tragen, deren zentrales, aber tautologisches „Argument“ darin besteht, darauf zu beharren, dass alles so zu bleiben habe wie es (schon immer gewesen) sei. Aber die Methode des Beharrens ist im Grunde eine individuelle Angelegenheit, denn sie wird, im Abgleich mit den Überzeugungen anderer, schnell ins Wanken geraten.
Soll eine Überzeugung daher in einer Gemeinschaft durchgesetzt werden, braucht es mehr: es braucht eine autoritäre Methode, das bedeutet Macht. Peirce nennt als Beispiele Religion und autoritäre Staatsformen; Überzeugungen werden hier durchgesetzt, das heißt, wenn nötig, (und darauf läuft es eigentlich immer hinaus) mit Repression und Gewalt.
Legitimiert werden Überzeugungen hier allein durch Autorität: Wir sehen das derzeit deutlich an der MAGA-Bewegung Trumps, über die eine ihrer glühenden Anhängerinnen, die Influencerin Laura Loomer am 17.05.20025 auf X unumwunden schreibt: „America First is whatever President Trump says it is.“ Bezeichnend ist daher, dass Überzeugungen hier etwas durch und durch Launenhaftes anhängt.
Und genau im repressiven Charakter und der schlechten Begründung der Überzeugungen liegt natürlich gleichzeitig die Schwäche dieser Methode:
„Aber keine Institution kann die Meinung über jeden Gegenstand regeln“ (52)1, und schon allein deshalb wird es immer Gelegenheiten geben, zu beobachten, dass andere (Glaubens-)Gemeinschaften nach anderen Überzeugungen organisiert sind und handeln, und wenn Menschen „redlich“ (52) genug sind, werden sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, „ihre eigenen Ansichten höher einzuschätzen als die anderer Völker und Jahrhunderte; und das weckt Zweifel in ihrem Geist.“ (52)
Und indem man nun alternative Überzeugungen vergleichen kann, wählt man diejenige, die einem am vernünftigsten erscheint: also das, woran man zu glauben neigt. Hier sind wir bei dem, was man den „gesunden Menschenverstand“ nennt, den common sense: Man gelangte auf diesem Weg zu einer Methode, die „unsere Meinungen von ihrem zufälligen und launenhaften Element zu befreien versprach“ (53), aber strenggenommen kommt das über Geschmacksfragen nicht hinaus, Überzeugungen sind hier so etwas wie Mode, Peirce nennt das die apriorische Methode. Und indem eine Mode dann verherrlicht wird, „unterscheidet sich diese Methode nicht wesentlich von der der Autorität. – Außer, dass hier das Mutwillige, Launenhafte deutlich hervortritt, das so kennzeichnend für populistische Weltbilder ist, denen zufolge das gilt, was dem Populisten eben (ins Weltbild) passt. Weil er es so will.
Auch wenn man sich beispielsweise bei Instagram umsieht, erkennt man sehr schnell, welch unglaublich große Wirkung solche Moden als Überzeugungen entfalten. Und gleichzeitig erkennt man, wie schnell etwas, das zu einer bestimmten Zeit das non plus ultra von Überzeugung war, blitzschnell von der nächsten, gern auch der vorherigen völlig widersprechenden Überzeugung abgelöst werden kann. Die soeben abgelöste Mode-Überzeugung, gilt dann als besonders „unmöglich!“.
Natürlich findet man meistens Mischformen dieser drei Methoden zur Festigung der Überzeugung.
Was ihnen allen drei fehlt, ist ein Kriterium außerhalb unseres Willens, „aus irgendeiner äußeren Permanenz – aus etwas, worauf unser Denken keine Wirkung hat“ (54).
Halten wir kurz fest: Die Methode des Beharrens ist ein individuelles Vergnügen, wird sie autoritär durchgesetzt, braucht es dazu eine Autorität oder Institution oder einen Staat, dann wird es zu einer Mischform aus den Methoden des Beharrens und der Autorität. Aber auch in der restriktivsten autoritären Umgebung werden Einzelne Wege finden, Überzeugungen zu hinterfragen: dann können die eigenen Überzeugungen mit denen anderer verglichen werden, und man hat die Wahl. Aber alle diese drei Methoden, ob individuell oder kollektiv, beruhen auf dem Willen: Auf dem Willen eines Einzelnen („Weil es mir so passt!“) oder auf dem Willen einer Autorität oder einer Gemeinschaft (Von „Weil ich, König von XY, es so verfüge!“, über: „Die Partei hat immer recht!“ bis hin zu „Weil es uns vernünftig erscheint!“). Ausschlaggebend ist immer der Wille, die Welt so zu sehen, wie es mir oder uns gefällt oder passt, oder vernünftig oder sinnvoll erscheint.
Und genau das ist das wesentliche Kriterium, mit dem Peirce nun die vierte Methode von den drei anderen unterscheidet. Es gibt etwas, das sich meinem Willen widersetzt: Diese Permanenz, außerhalb unseres Willens, müsste etwas sein, „das auf jeden Menschen wirkt oder wirken könnte.“ (54)
Das ist die Realität.
Was Peirce also als die einzig valide Methode vorstellt, zu seinen Überzeugungen zu gelangen, nicht aufgrund des eigenen Willens und Wollens, sondern aufgrund dessen, worauf „sein Denken keine Wirkung hat“, das ist die wissenschaftliche Methode, die sich an den hard cold facts orientiert: die sind es, die auf „jeden Menschen wirken oder wirken können“. Und das bedeutet letztendlich: Dass sie sich unserem Willen als widerständig erweisen.
Dies unterscheidet die wissenschaftliche Methode von den drei anderen, die als Methoden auf Realität gar nicht angewiesen sind: Weder das Beharren auf einer Gewohnheit oder Überzeugung noch das autoritäre Durchsetzen, oder das sich nach einem bestimmten Geschmack oder einer Mode ausrichtende Verhalten, müssen sich an der Realität prüfen lassen. Trump führt das auf hervorragende Weise vor.
Allein die wissenschaftliche Methode stellt sich dieser Prüfung – und hat gar kein anderes Kriterium.
Es gibt Dinge, die so sind wie sie sind, unabhängig von unserer Meinung über sie – siehe etwa Klimawandel. Die wissenschaftliche Methode zur Festigung unserer Überzeugungen ist nun die, die versucht, sich an dieser von uns unabhängigen Realität und ihren Gesetzen zu orientieren. Bei den drei ersten Methoden kommt zwangsläufig irgendwann der Punkt, an dem sie und die Überzeugungen angezweifelt werden.
Bei der wissenschaftlichen Methode, die sich der Realität zuwendet, kann dieser Zweifel nicht entstehen, denn die Dinge der Realität unterliegen nicht unseren Meinungen über sie.
Es gibt einen messbaren Klimawandel. Wie wir ihn interpretieren, wer ihn verschuldet, welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien – darüber „streiten die Philosophen“. (Nein, die tun das schon lange nicht mehr. Um so lauter aber die weniger Gescheiten.)
Vor allem wird die Überlegenheit der wissenschaftlichen Methode dann klar, wenn wir vom Ausgangspunkt aller Suche nach Überzeugung und Gewissheit ausgehen: dem Zweifel. Peirce schreibt:
„Das Empfinden, das den Anstoß für jede Methode des Festigens der Überzeugung gibt, ist eine Unzufriedenheit mir zwei unverträglichen Sätzen. Doch hier gibt man schon in etwa zu, daß es irgendein Etwas gibt, mit dem ein Satz übereinstimmen sollte. Niemand kann also wirklich daran zweifeln, daß es Realitäten gibt, oder wenn er zweifelte, wäre Zweifel keine Quelle der Unzufriedenheit.“ (54)
Das ist, meines Erachtens, ein ganz wunderbares Zitat, weil Peirce hier in aller Schlichtheit – Zweifel als etwas, das aus der Unverträglichkeit zweier Sätze entsteht – wie im Vorbeigehen das mit beschreibt, was – wenn nämlich dieser Zweifel nicht überwunden wird – in das münden kann, was heutzutage als kognitive Dissonanz beschrieben wird.
Im Streit um weltanschauliche Positionen lohnt es sich daher immer, nach dem Etwas zu schauen, um das letztendlich gestritten wird, denn dieses Etwas wäre so ein Realitätskern, der zwar verschieden perspektiviert werden kann, der sich aber selbst unserem jeweiligen Willen entgegenstellt.
Demgegenüber ist die einzige Möglichkeit der Überprüfung bei der Methode der Autorität, die, nachzuschauen, was die „Autorität“ meint – und genau das ist es, was Laura Loomer sagt: „America First is whatever President Trump says it is.“ – Im Grunde unterscheidet sich das aber nicht wesentlich von der Methode des Beharrens und auch nicht von der apriorischen: Bei der liegt die Überprüfung einfach bei dem, was man zu denken geneigt ist. Siehe jede x-beliebige Instagram-Gemeinschaft.
Peirce ist skeptisch, was den Erfolg der wissenschaftlichen Methode angeht, zwar nutzt sie jeder (auch ohne sich da immer bewusst zu machen), aber die anderen drei Methoden sind ebenso erfolgreich. „Wenn Freiheit der Rede von den gröberen Formen des Zwanges frei sein soll, wird die Uniformität der Meinung durch moralischen Terrorismus, dem die achtbare Gesellschaft ihren vollen Beifall zollen wird, gesichert sein“ (56), schreibt Peirce, und diesen Kampf sieht man meines Erachtens in greller Deutlichkeit in den heutigen westlichen Gesellschaften und ganz besonderes in den USA – jedenfalls bis Trump 2, der solche Kontoversen beenden, unterdrücken und eliminieren will, was als die denkbar schlechteste Alternative gewertet werden muss.
Und dennoch schließt Peirce mit einem ganz wundervollen Gedanken:
„Ein Mensch sollte sie [die ersten drei Methoden, N.O.] gut durchdenken, und dann sollte er überlegen, daß er eigentlich wünscht, daß seine Meinungen mit den Fakten übereinstimmen und daß es keinen Grund gibt, warum diese drei Methoden zu diesen Ergebnissen führen sollten. Diese Wirkung hervorzubringen, ist das Vorrecht der wissenschaftlichen Methode.“ (57)
- Ich zitiere hier und im Folgenden aus der deutschen Übersetzung des Essays in dem von Elisabeth Walther herausgegebenen Bändchen „Die Festigung der Überzeugung“, das 1985 bei Ullstein, Frankfurt a.M. erschienen ist. ↩︎


Schreibe einen Kommentar