“As President Trump seeks to purge the federal government of “woke” initiatives, agencies have flagged hundreds of words to limit or avoid, according to a compilation of government documents.“ heißt es in der New York Times vom 7.3.2025, und sie listet 200 Wörter auf, die solchermaßen woke (also praktisch alles, was nach links, gender, Diversität klingt) und daher unerwünscht seien, und darunter finden sich, als Randnotiz gewissermaßen, auch:
- female
- females
- feminism
- women
- women and underrepresented
Das sind jetzt unerwünschte, zu vermeidende Wörter. Passt ziemlich gut zu dem vielerorts gewünschten roll back, von Zuckerbergs propagierter „maskuliner Energie“ über die Tate-Brüder und trad wifes bis hin zu den reaktionären Familienvorstellungen unserer lieben, rechtsextremen AfD.
Höchste Zeit, Meike Stoverocks Buch „Female Choice“ wieder zur Hand zu nehmen!
Das Buch wurde nach Erscheinen 2021 reichlich besprochen, deshalb wird das hier keine verspätete Rezension, sondern eine Zusammenfassung der mir daraus wichtigsten Punkte eines Textes, der aktueller nicht sein könnte. Denn das mit der Gleichberechtigung, das haben wir, neuesten Meinungsverlautbarungen, überwiegend, aber nicht nur von männlicher Seite, zufolge nun doch etwas übertrieben.
Was mich an dem Buch begeistert, ist die luzide Form, in der die komplexen Zusammenhänge der Entwicklung des Patriachats aus einer evolutionären Perspektive auf äußerst nachvollziehbare Weise skizziert werden: Aus dieser Skizze ergibt sich ein ebenso einleuchtender wie klarer Zusammenhang, mit dem verständlich wird, nicht nur, warum alles so kam, wie es kam, sondern warum es so beinahe zwangsläufig kommen musste. Insofern liest diese Geschichte durchaus deprimierend.
Für mich, die sich nie sonderlich mit der urzeitlichen Sozialgeschichte der Menschheit auseinandergesetzt hat, wurde damit klar, inwiefern bestimmte Errungenschaften, wie die Erfindung von Handel und Geld nicht nur mehr oder weniger kontingente Entwicklungen waren, sondern alle notwendigerweise dem Ziel förderlich waren, Frauen gleichmäßig auf Männer zu verteilen, um Männerzufriedenheit zu gewährleisten.
Die Geschichte des Patriarchats lässt sich nach Meike Stoverocks Rekonstruktion in einem neuen Licht verstehen: Denn es ging erst in zweiter Linie, als notwendige Folge um die Unterdrückung der Frau – vor allem und zuerst ging es vielmehr um die Unterdrückung des Prinzips der female choice.
Wenn man sich nach der ursprünglichen und grundsätzlichen Motivation fragt, warum in aller Welt Männer Frauen unterdrücken wollten (und wollen), dann findet man sie in diesem Prinzip.
Female choice ist ein Prinzip zur Optimierung der Erhaltung bzw. Reproduktion der Art. Meike Stoverock schreibt: „Evolution sorgt dafür, dass Arten Merkmale und Strategien entwickeln, die die beste Antwort auf den jeweiligen Selektionsdruck sind – und passen sich ihrer Umwelt an.“ (S. 79) Female choice entsteht, evolutionär betrachtet, aus den Umständen, dass Reproduktion für Frauen energetisch teurer ist als für Männer, aus dem daraus resultierenden Selektionsdruck, aus dem hieraus resultierenden Sexualdimorphismus. Das Ergebnis davon ist, dass nicht alle Männer und Frauen bei der Paarbildung gleichmäßig aufeinander geteilt werden, sondern dass aufgrund dieses Selektionsdrucks sich nur ein Teil der Männer paaren und fortpflanzen können (siehe S. 79-92).
Das Patriarchat stellt insofern eine männliche Strategie dar, diese natürlichen Verhältnisse, die die effizienteste Form der Arterhaltung ermöglichte, durch Machtausübung so zu manipulieren, dass Frauen gleichmäßig auf Männer verteilt werden konnten.
Um dieses (von der Evolution nicht „gewollte“) Ziel zu erreichen, dass, salopp ausgedrückt, möglichst jeder Mann eine Frau abbekommt, musste die Frau unterdrückt werden. Das war und ist die Motivation.
Und heute, nach vielen Jahren der Emanzipationsbestrebungen der Frauen, sieht man diese Motivation wohl am deutlichsten bei den Incels durchscheinen, die Frauen hassen, weil sie bei ihnen nicht zum Zug kommen, und dies als „Ungerechtigkeit“ empfinden.
In ursprünglich nomadischen Gesellschaften, vor zig-tausend Jahren, turnten also die Männchen vor den Weibchen herum (so weit so auch heute bekannt) und die Weibchen suchten sich die besten Exemplare zur Fortpflanzung aus. Das war female choice, eine recht natürliche Geschichte, bekannt aus der Tierwelt, wo sie beinah ausnahmslos vorherrscht. Dass diese Form von female choice bei den Menschen mit sich brachte, dass überproportional viele Männchen dabei leer ausgingen, war damals möglicherweise, weil normal und anders nicht gekannt, kein Problem.
Dann wurden die Menschen sesshaft und begannen Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, was die allgemeine Versorgungslage der jeweiligen Gemeinschaft verbesserte. Und zwar so sehr – und hier beginnt das Übel –, dass Überschuss produziert werden konnte. Was machte man mit überschüssigen Vorräten? – Man erfand den Handel. Und mit dem Handel – nächstes Übel – das Geld. Relativ zwanglos ergab sich aus der Organisation des Gemeinschaftslebens, dass für den Handel Männer zuständig waren, weil dies besser gewährleistete, dass Frauen sich daheim um den Nachwuchs kümmerten.
Und das war sozusagen der evolutionsbiologische Sündenfall: Denn, indem Frauen aus (ursprünglich ganz pragmatischen Gründen) vom Handel ausgeschlossen waren, verfügten Männer plötzlich und exklusiv über eine völlig neue Ressource: Geld. Mit Geld konnten sich auch solche Männer „aufwerten“, die sonst bei der female choice ins Hintertreffen geraten wären: Wer nicht besonders stark oder schön war, konnte immerhin reich sein – und damit attraktiv.
Das ist ebenso bestürzend wie plausibel. Waren diese wenigen Grundvoraussetzungen erst einmal gegeben, so ergab sich das Patriarchat mit all seinen bis ins kleinste verästelten Machtstrukturen fast wie von selbst.
Denn dies leuchtet mir als Grundpfeiler des Patriarchats vollkommen ein: Geld (und damit Macht und Besitz) gab den Männern die Möglichkeit, die Frauen gleichmäßiger zu verteilen. Aus dieser Perspektive finde ich es vollkommen nachvollziehbar, dass Männer diesen Hebel benutzten, und dass sie, neben aller Rivalität untereinander, diese Ressource untereinander verteilten, und wenn nur die Väter unter den Söhnen durch Vererbung.
Letztlich also durch diesen ebenso schlichten wie mächtigen evolutionären Schritt wurden Frauen in die Abhängigkeit von Männern gebracht, und damit der Grundstein gelegt für eigentlich so ziemlich alle weiteren Bausteine, auf denen sich das Patriarchat errichtete und einrichtete:
Das Prinzip der female choice kippte durch diese Innovationen nämlich an dieser Stelle; in der Folge wurden schließlich auch Frauen zur Ware, mit der gehandelt werden konnte, Religion und die Institution der Ehe kamen hinzu. Wobei die Ehe insbesondere die Frauen an einen Mann lebenslänglich band, und die Frau nicht mehr wir zuvor, nach Brutzyklen über die Männerwahl verfügen konnte. Und so weiter und so fort: die Geschichte des Patriarchats ist ja hinlänglich bekannt.
Eigentlich liest sich das ganze Buch wie ein Beispiel aus der Chaos- (oder Katastrophen-) Theorie: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien … und der Sturm in Texas. Vermaledeiter Ackerbau, vermaledeites Geld! Nun ja, müßig. Wie hätte die Menschheitsgeschichte anders verlaufen können? Es ist ein tragisches Dilemma.
Aber nun sind wir gelandet, wo wir heute stehen, und immerhin haben sich die Frauen zumindest einigermaßen emanzipiert.
Und auch wenn female choice sicher nie das Ziel der Emanzipation war, Ziele waren und sind Geschlechtergerechtigkeit, Gleichberechtigung, so bringt jeder Schritt der Emanzipation tendenziell auch einen Schritt in Richtung von female choice mit sich. Das erscheint mir ebenso folgerichtig zu sein auf dem Weg in wieder natürlichere Verhältnisse, in denen die Frau eine Wahl hat.
Tja, und nun haben wir, neben vielen ziemlich gekränkten Männern, auch noch die Incels.
An Meike Stoverocks Darstellung aus evolutionsbiologischer Perspektive mag ich, dass sie auf in irgendeiner Weise männerfeindliche Töne völlig verzichtet, sie bezeichnet das mehrfache Dilemma, das Patriarchat und auch die heutige Situation allmählicher Emanzipation samt des verfallenden Patriachats und den jeweiligen ganzen Folgen – und zwar für alle, Männer wie Frauen – als eben dies: dilemmatisch. Nur mit dem Unterschied, dass es heute eine Chance für Frauen gibt, sich zu befreien.
Und sie hat Recht damit, dass wir uns da irgendwas werden einfallen lassen müssen, um die Männer, die ihre Privilegien aufgeben müssen, aufzufangen.
Vor allem hat mir aber gefallen – und das war ein richtiger „Schuppen-von-den-Augen-Effekt“ bei mir – dass das gesamte Dilemma eben auf ein paar wenige aber plausible Momente heruntergebrochen werden kann – Sesshaftigkeit, Handel, Geld, Ehe –, die dann ihre ganze, für Frauen tragische Macht wie in einem Dominosystem entfalten konnte: Waren diese wenigen, maßgeblichen Entwicklungsstufen erreicht, so ergab sich alles Weitere gemäß eine inhärenten Logik fast wie von selbst. Naja, immer natürlich zielsicher vorangetrieben von Männern. Meike Stoverock macht – und das ist ihr großer Verdienst! – das Offensichtliche offensichtlich. Hat man das Buch gelesen, so fragt man sich: Wie konnte man all diese Zusammenhänge in ihrer Klarheit nicht gesehen haben?!
Für mich erhält ihr Buch dadurch die Qualität eines Handbuchs. Und zwar durchaus im etymologischen Sinne des encheiridion, eines kurzen Schwerts oder Dolches, also einer argumentativen Waffe: nicht, um damit zuzustechen, aber um argumentativ jederzeit gewappnet zu sein: Bei all den Kampfzonen auf Mikroebenen und in Makro-Kontexten, die wir heute immer noch und überall erleben, ermöglicht es dieses Buch, den Klarheit verschaffenden Schritt zurück zu treten zu einer Distanz, aus der man die evolutionären Entwicklungen in ihrer Gesamtheit und im Zusammenhang in den Blick bekommt. Diesen großen Bogen, diese sehr einleuchtenden Zusammenhänge, hat mir bisher kein Buch so klar machen können wie dieses.
Und daher kann man eigentlich allen an Gleichberechtigung Interessierten nur empfehlen: Lest das Buch! Immer wieder! Es ist so einfach wie das kleine Einmaleins. Und genauso fundamental.
(Meike Stoverock: Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation. Tropen Verlag, Stuttgart. 2021.)
PS.: Während ich so darüber nachgrüble, warum diese ganzen Zusammenhänge mir jetzt so klar vor Augen stehen, warum diese Offensichtlichkeiten erst jetzt so offensichtlich für mich sind, wir mir klar, dass die Leistung Meike Stoverocks Buch eine ganz wunderbare Abduktion – im besten semiotischen Verständnis – bildet: Wenn man sich in Erinnerung bringt, was Peirce über die Abduktion schreibt (und was ich in meinem Blogeintrag „Heureka“ vom 24.2.2025 kommentiert habe):
„The abductive suggestion comes to us like a flash. It is an act of insight, although of extremely fallible insight. It is true that the different elements of the hypothesis were in our minds before; but it is the idea of putting together what we had never before dreamed of putting together which flashes the new suggestion before our contemplation.” (CP 5.181) Hier der plötzlich produzierte Überschuss landwirtschaftlicher Erzeugnisse – da der Handel – dann das Geld…


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