Bild aus: „Fußballspiel der Philosophen“. Monty Python’s Fliegender Zirkus, 1972.
Es gibt Menschen, die sehen Dinge einer Art oder Klasse, wie zum Beispiel einen Stuhl, und in der Mehrzahl, z.B. in einem Klassenzimmer, viele (einzelne) Stühle. Und jedem einzelnen Stuhl kommt, ihrer Auffassung nach, Realität zu: Diese ganzen Stühle sind eindeutig da. Darüber hinaus gibt es aber auch so etwas wie die Idee „Stuhl“, die die denkbare Menge aller möglichen Stühle überhaupt enthält. Diese Idee, so sagen einige Menschen, ist nur eine Abstraktion, eher eine Art Fiktion: Dieser Idee kommt keine Realität zu. Solche Leute nennt Peirce Nominalisten. Sich selbst, und Denker seinesgleichen, bezeichnet er demgegenüber als Realisten: Die vertreten die Auffassung, auch diese abstrakte Idee „Stuhl“ habe einen eigenen Status der Realität.
Die Bedeutung dieser Unterscheidung zwischen einer nominalistischen und einer realistischen Auffassung wird deutlicher, wenn es um andere Dinge als Stühle geht, beispielsweise, wenn es um eine Sache wie „Freiheit“ geht. Dem Nominalisten wird es dann, salopp formuliert, konkret um seine jeweils hier-und-jetzige Freiheit gehen. Die Idee von „Freiheit“ bleibt ihm ein abstrakter Begriff, der, ohne konkrete „Füllung“ leer und vage bleibt. Der Realist hingegen erkennt in der Idee von „Freiheit“ eine eigenständige Realität.
Diese Unterscheidung ist keine philosophische Spitzfindigkeit, sondern sie hat schon erhebliche Konsequenzen.
Peirce hat ihr, und der Verteidigung einer eigenen Kategorie der Idee, im Grunde sein gesamtes Werk gewidmet.
Und die historischen Umstände der Entwicklung seiner Semiotik waren auf seltsame Weise recht dramatisch mit dem Streit um die beiden Positionen des Nominalismus und des Realismus verwoben.
Zusammen mit seinem Freund und philosophischen Weggefährten William James entwickelt er die Theorie des Pragmatismus, James wurde mit seiner (nominalistischen) Version erfolgreicher Harvard-Professor, Peirce blieb mit seiner (realistischen) Semiotik Außenseiter, ohne Erfolg an der Universität1, ungesellig und kauzig – mein Antiheld in der Geschichte.
Und so kam es, dass William James Peirce einlud, als Gast eine Vorlesung zu veranstalten, und den Harvard-Studenten einige Lektionen über „lebenswichtige Fragen“ zu bieten.
Aber es war eben dieser James, dessentwegen Peirce seinen Pragmatismus nicht mehr so nennen wollte, um ihn eben zu unterscheiden von dem (nominalistischen) Pragmatismus, den James sehr erfolgreich populär machte – und so nannte Peirce seine (realistische) Position nun Pragmatizismus, „„pragmaticism“ ein Name „ugly enough to be safe from kidnappers.“ (CP 5.414)
Unter diesem Stern stand also dieses Vorhaben, als Gast bei William James an der Harvard Universität eine Vorlesung über „lebenswichtige Fragen“ zu halten und Peirce konnte gar nicht anders, als dagegen aufzubegehren. Er wollte nicht, er wehrte sich.
James bekniete ihn, appellierte daran: „Du quillst über von Ideen!“, er möge doch aus dieser Fülle ein paar Themen „von lebenswichtiger Bedeutung“ zum Vortrag bringen.2 Peirce entgegnete darauf in einem Brief an James: „Meine Philosophie ist keine „Idee, die aus mir heraussprudelt“; es handelt sich um ernsthafte Forschungsarbeit. […] Wer nicht exakt schließen kann (nur das ist ja Schließen), kann meine Philosophie einfach nicht verstehen, – weder den Vorgang, noch die Methode, noch die Ergebnisse.“ (S. 44f.)
„Deinen Philosophiestudenten in Harvard ist das exakte Schließen zu anstrengend.“ fügt Peirce im Weiteren an, und: „Ich wünschte, ich müsste komische Lieder singen oder tanzen, obwohl ich das schlecht machen würde. Aber ich bin nicht puritanisch genug, um zu verstehen, was einem an diesem Gerede über „Themen von lebenswichtiger Bedeutung“ gefallen kann. Die Zuhörer täten besser daran, so meine ich, nach Hause zu gehen und zu beten.“ (S. 45f.)3
Um was geht es hier? Genau um diese Unterscheidung zwischen Nominalismus und Realismus! William James und seine Studenten, sagt Peirce, hätten keine Vorstellung von Drittheit, von der „Idee“ von Sachen, die an sich eine eigene Realitätskategorie sei.
Sie sehen nur „Einzel-Dinge“. Aber in der Idee eines Dings erkennen sie nur eine Abstraktion oder eine Art Fiktion.
Und an dieser Aufforderung, über „Fragen von lebenswichtiger Bedeutung“ zu sprechen, entzündet sich an dieser Stelle Peirce‘ fast polemische Wut, mit der er seine philosophische Position in jener Vorlesung dann verteidigt:
„Reine Wissenschaft hat überhaupt nichts mit Handeln zu tun. […] Nichts ist in der Wissenschaft lebenswichtig, nichts kann es sein. Die von ihr akzeptierten Propositionen sind daher höchstens Meinungen, und die ganze Liste ist vorläufig. Der Wissenschaftler ist nicht im Mindesten in ewigem Bunde mit seinen Konklusionen. Er riskiert nichts für sie. Er bleibt bereit, eine oder auch alle fallenzulassen, sobald die Erfahrung gegen sie spricht.“ (S. 158)
Peirce widmet dieser Frage seine gesamte Vorlesung. Um es kurz zu fassen: Die „lebenswichtigen Fragen“ sind solche, die in der Sphäre der Kategorie der Zweitheit behandelt werden, als der Kategorie der unmittelbaren Reaktion, des Zwangs, der Dualität, der Kategorie von Druck und Widerstand. Um es mit dem Beispiel von oben zu illustrieren: Mit der konkreten Frage, in einer konkreten Situation, im Hier und Jetzt zu handeln, beispielsweise meine konkrete Freiheit in einer konkreten Situation zu verteidigen. Er sagt:
„In lebenswichtigen Fragen ist dies aber ganz anders. Bei solchen Angelegenheiten müssen wir handeln, und das Prinzip, nach dem wir uns zu richten bereit sind, ist eine Überzeugung. […] Angelegenheiten von lebenswichtiger Bedeutung […] müssen dem Gefühl, dem Instinkt überlassen bleiben.“ (S. 158)
Die nominalistische Position von James läuft auf eine Art Pragmatismus der Nützlichkeit hinaus, aber genau diese Fokussierung auf Nützlichkeit steht dem Weg wissenschaftlicher Forschung im Weg, „der wahre wissenschaftliche Forscher verliert völlig den Blick für den praktischen Nutzen seine Tätigkeit.“ (S. 151) Wissenschaftliches Denken sei das Denken des Allgemeinen, seiner allgemeinen Gesetze. Und:
Jedes Gesetz oder jede allgemeine Regel drückt eine Drittheit aus, weil es eine Tatsache veranlasst, eine andere zu verursachen. (S. 202)
Das macht die Sache schon wesentlich komplexer, als Situationen von lebenswichtiger Bedeutung, in denen es zu handeln gilt. Und daher ist, anders herum, die „Perspektive der Nützlichkeit immer eine eingeengte Perspektive“ (S. 159) und er müsse, so Peirce, „in aller Offenheit sagen, dass ich keinerlei philosophische Ware anzubieten habe, die Sie entweder zu besseren oder erfolgreicheren Menschen machen könnte.“ (S. 152)
Ich werde der Bedeutung von „Überzeugungen“ und der drei Kategorien im Werk von Peirce noch einen eigenen Blogeintrag widmen, hier soll die vage Einteilung genügen, um den Unterschied zwischen einem nominalistischen Denken in Zweitheit und dem realistischen Denken in Drittheit zu verdeutlichen.
Über Peirce‘ Kategorien habe ich im Ansatz schon etwas in meinem Blogeintrag „Purpur“ vom 12.3.2025 geschrieben: Kategorien sind die Grundbedingungen für Erfahrungen, das heißt, alles, was ich überhaupt erfahren kann, erfahre ich als Gefühl (Erstheit), als Reaktion (Zwang, Veränderung, Zweitheit) oder als Idee (Gesetz, Begriff Drittheit). Jegliche Erfahrung kann ich einer dieser drei Kategorien subsumieren.
Man kann sich die Unterschiedenheit dieser drei Kategorien am einfachsten vorstellen, wenn man sie in einer Art Logik der Relationen begreift, und sich fragt: was ist einer Monade möglich? Sie ist nur das, was sie ist. So ist Röte. Zweitheit ist dann eine duale Relation: Veränderung, Druck und Widerstand, Reaktion – jede Art streng zweiseitiger Beziehung. Und Drittheit: bietet logisch alle Möglichkeiten von Vielheit, Vermittlung, das Denken des Denkens: die Idee von „Stuhl“ (die Idee einer abstrakten Menge aller nur denkbaren Stühle überhaupt), anstelle des konkreten (Nützlichkeits-)Denkens bezüglich dieses einen hier-und jetzigen Stuhls.
Das nominalistische Denken ist unter dieser Perspektive ein Denken vor allem in Zweitheit, es ist ein Denken im faktischen Hier und Jetzt, in konkreten Situationen eines Subjekts einer Umwelt gegenüber, in der es reagieren muss. Und hier ist eben das Denken von Nützlichkeit beheimatet. Wissenschaftliches Denken hingegen, das sich um allgemeine Gesetzlichkeiten dreht, hat keine Nützlichkeit anzubieten.
Und Peirce hat über dieses auf Zweitheit begrenzte, nominalistische Denken ein klares Urteil:
„Dann gibt es Geister, wie wir sie gewöhnlich in der Welt antreffen, die sich nicht vorstellen können, dass man irgendetwas anderes mehr begehren kann als Macht. […] Sie sind Nominalisten. Ihnen geht es um die Dinge, mit denen sie reagieren. Sie denken gründlich nach (reason), insoweit sie irgendeinen Nutzen darin sehen, und sie wissen, dass es nützlich ist, zu lesen. Aber wenn sie auf eine Stelle stoßen, in der ein Schlussfolgern die Buchstaben A, B, C verwendet, so gehen sie darüber hinweg.“ (S. 203)
Und wer könnte in diesen Tagen bei einer solchen Charakterisierung nicht sofort an Trump denken?
Trump ist ein (selbsternannter) Mann des Deals (wenn man darunter auch Erpressung subsummieren will), er kann nur reagieren und zwar nur im konkreten Hier und Jetzt. Denkt mal darüber nach, ob es daran liegen könnte, dass er keine Idee zu haben scheint, keinen Plan oder eine Strategie: Denn das würde Drittheit voraussetzen, die Möglichkeit A, B und C in eine Relation miteinander zu bringen, kurz: Über das nachzudenken, was sein könnte und was sein wird, gemäß einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit. Hier kommt ein Denken wie das von Trump, instinktgetrieben, nicht über schlichtes Raten und Vermuten hinaus.
Die ganze Art und Weise, wie Trump agiert, lässt sich unter dieser Peirceschen Perspektive als ein (nominalistisches) Denken in Zweitheit begreifen. Seine Zölle: Die konkrete Reaktion auf etwas, das er als widerständig erlebt.
Seine Angewohnheit, stets nur in Transaktionen zu denken: Deal! Ich gebe dir dies – was bekomme ich dafür? All diese Deals – und andere Formen des (Ver-)Handelns scheint er nicht zu kennen – sind immer dyadisch, zweitheitlich schon allein in diesem Sinne, dass er immer nur bilaterale Transaktionen unternimmt, immer jeweils nur mit einem einzelnen Regierungschef. Ganz schlicht: Mann gegen Mann. Trump kennt keine Form von Mediation (Drittheit), sein Weg ist der der „brute force“ – ein Begriff (CP 2.281 et passim), mit dem Peirce Zweitheit anschaulich charakterisiert.
Unter diesem Gesichtspunkt, Zweitheit oder Drittheit?, Nominalismus oder Realismus?, kann man sich nun fragen: Was könnte Trump unter beispielweise „Freiheit“ verstehen, oder bescheidener: Was könnte er unter dem „great“ seines Maga-Slogans verstehen?
- Dass Peirce an der Universität nicht als Professor Fuß fassen konnte, ist wirklich tragisch, denn das hatte nicht im Geringsten mit seiner fachlichen Kompetenz zu tun, Peirce war ein Genie!, sondern mit der blöden Tatsache, dass er nach der Trennung von seiner Frau aber noch bevor die Scheidung vollzogen war mit einer anderen Frau zusammen lebte: Solch unchristliche Verhältnisse wurden an der Universität nicht geduldet. Unfassbar! Tragisch! ↩︎
- Alle Zitate, wenn nicht anders markiert aus: Charles S. Peirce: Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898. Mit einem Anhang unveröffentlichter Manuskripte. Hg. V. K.L. Ketner. Dt. Übers. U. Hg. V. Helmut Pape. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2002. ↩︎
- Das mit dem Beten meint er ernst. An anderer Stelle schreibt er: „seit die Theologie sich anmaßt, eine Wissenschaft zu sein, müssen sie [die Theologen; N.O.] auch als Wissenschaftler beurteilt werden. Und in dieser Hinsicht muss ich sagen, dass ich nicht glaube, dass jemals ein anderer dermaßen beklagenswert korrupter Einfluss auf die Moral der Wissenschaft ausgeübt wurde. […] Aber nichts kann unwissenschaftlicher sein als die Geisteshaltung von jemandem, der versucht, sich in früheren Glaubensüberzeugungen zu festigen. Der wissenschaftliche Mensch kämpft um die Einsicht in die Irrtümer seiner Überzeugungen, wenn man überhaupt sagen kann, dass er Überzeugungen hat. (S. 368f.) ↩︎


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