Abbildung: Glanville, Ranulph: Objekte. Merve Verlag, Berlin 1988. S. 126.
Von Ranulph Glanville gibt es eine schöne Beschreibung, wie wir ein beliebiges Objekt unserer Aufmerksamkeit minimalistisch formulieren können, nämlich als black box.
Eine black box ist vollkommen schwarz, wir wissen nicht, was sich darin befindet oder was in ihr passiert. Wir wissen gar nichts über sie. So lange wir nicht mit ihr interagieren, können wir also strenggenommen nicht einmal wissen, ob es sie gibt.
Stelle dir vor, jemand hat dir die Augen verbunden und ein paar Kieselsteine in die Hand gelegt. Du wirfst einen Kieselstein nach dem anderen in eine gewisse Distanz vor dich. Und jedes Mal, wenn du ein Steinchen geworfen hast, hörst du ein leises, klirrendes Geräusch: „pling“.
Nun hast du Grund zur Annahme, dass du eine black box vor dir hast! (Über die du, außer ihrer Existenz) immer noch fast nichts weißt.
Aber du, als Beobachter, sendest einen input (Kieselstein) und bekommst einen output („pling“). Also nimmst du an, dass da etwas ist, das du mit deinen Steinchen triffst, und dass das klingt, als könnte es eine Fensterscheibe sein.
Die Abbildung oben zeigt einen Kreislauf: Die black box ist schwarz, aber du (weißer Kreis) bist für dich weiß, das heißt, du bist für dich selbst transparent. Wenn du nun mehrfach einen Kieselstein wirfst (input), und immer derselbe output („pling“) herauskommt, dann hast du eine stabile Beschreibung der black box angefertigt.
Glanville hat in einem kleinen Aufsatzband über diese black boxes geschrieben, es heißt „Objekte“ und erschien 1988 beim Merve Verlag in Berlin. Das Büchlein gehört zu diesen kleinen Schätzen, die man aus purem Glück einmal entdeckt hat, und die man gut hüten muss. Inzwischen ist es vergriffen, aber es wird in irgendwelchen Bibliotheken oder Antiquariaten sicher noch aufzutreiben sein. Jedenfalls schreibe ich nun darüber, denn dieses wirklich anregende, charmante und kluge Büchlein sollte unbedingt vor dem Vergessenwerden bewahrt werden!
Indem du auf diese Weise eine stabile Beschreibung der black box anfertigst, machst du sie weiß: Du machst sie verständlich. Die Weiße der black box hängt natürlich vollständig von deinem input ab. Wenn der in irgendeiner Form verändert als output wieder herauskommt, kannst du Rückschlüsse darüber treffen, was in der black box ist oder passiert.
Diese minimalistische Anordnung ist tatsächlich eine ziemlich kluge Darstellung unserer täglichen Erfahrung, bzw. so wie diese im Idealfall sein sollte: Wenn du irgend einer Sache begegnest, die du zunächst nicht verstehst, dann bedenke, sobald du beginnst, mit ihr zu interagieren, dass deine Aktion (input) immer schon vor-figuriert, wie ein möglicher ouput aussehen könnte.
Mit anderen Worten: Der Beobachter beeinflusst durch seine spezifische Art zu beobachten das, was er beobachtet.
Jedes Experiment, jede Art experimentellen Umgangs mit (unbekannten) Objekten geschieht auf diese Weise: Du siehst etwas, das du nicht kennst. Du betrachtest es. Du schreist es an. Du gießt Wasser darüber. Du berührst es. – Was auch immer: Du sendest verschiedene inputs an das Ding und schaust, was dabei heraus kommt.
Im Grunde verläuft so jede Art des Kennenlernens.
Die meines Erachtens wichtigste Erkenntnis bei der Interaktion mit black boxes ist, dass deine Interaktion, dein input, natürlich für den output des Dings verantwortlich ist.
Und was hat das mit Zeichen zu tun?
Es hat jede Menge mit der Bildung von Hypothesen zu tun, also Annahmen über Dinge, die wir als Erklärungsmodell ausprobieren, weil damit viel plausibilisiert werden könnte, falls die Hypothesen zutreffen. In der Semiotik von Peirce nennt man das Abduktion (im Gegensatz zu Deduktion und Induktion), über die ich hier imme wieder blogge.
Wenn du nämlich nichts anders hast als inputs und outputs – und im Grunde entspricht das jeder Art von Begegnung mit Dingen, Menschen, Phänomenen – dann kann deine Erkenntnis daraus nur hypothetisch, also eine Hypothese sein: „Wenn da eine Fensterscheibe wäre (black box), dann wäre es verständlich und plausibel, dass es „pling“ macht, sobald ich ein Kieselseinchen dagegen werfe!“.
Das black box Modell ist ein ziemlich schlaues Werkzeug, das uns z.B. vor Vorurteilen bewahren kann: Wenn man sich klar macht, dass man alles, was man beobachtet, durch eine bestimmte „subjektive Linse“ beobachtet, ist es einleuchtend, dass genau diese „Linse“ das Beobachtete beeinflusst.
Um in unserem Bild zu bleiben: Wie gut, dass wir nur mit Kieselsteinchen geworfen haben und nicht mit Pflastersteinen!


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