Wenn wir das Foto betrachten, dann scheint es, was immer wir in diesem Bild auch sehen mögen, eine herbstliche Szene zu zeigen, das braun verfärbte Kastanienlaub ist ein deutlicher Index (Hinweis) auf: „Herbst“.
Betrachtet man das Bild genauer, so könnte man meinen, die gelbweiße Fassade, die Lichterkette, das Kastanienlaub – all das könnten Hinweise (also ein Index) auf einen herbstlichen, bayerischen Biergarten sein. Wie bei einem Indiz oder einer Spur in der Kriminalistik, können wir hier von Einzelheiten (Blätter, Lichterkette etc.) auf eine andere Tatsache schließen, nämlich auf „Biergarten“. Auch wenn ich gar keinen Biergarten sehe, mit seinen Tischen und Bänken im Kies, mit Gästen und Kellnerinnen: Es reichen die kleinen Hinweise (gelbweiße Fassade, Kastanie, Lichterkette), um meiner Phantasie Raum zu geben, mir als Objekt dieses Zeichens einen herbstlichen Biergarten vorzustellen.
Jedes Zeichen ist entweder ein Index, ein Ikon oder ein Symbol. Die drei Begriffe spezifizieren ein Zeichen hinsichtlich seiner Beziehung zu seinem Objekt, also dem vom Zeichen Gemeinten. Ein ikonisches Zeichen beruht auf einer Art Ähnlichkeit mit seinem Objekt, ein indexikalisches Zeichen auf einer kausalen oder räumlichen oder oder dergleichen Relation zu seinem Objekt und eine Symbol beruht auf Konvention, als Vereinbarung.
(Genaueres zum semiotischen Zeichen könnt ihr auf meiner Unterseite Grundlagen nachlesen).
Der Index ist dabei das wahrscheinlich intuitivste Zeichen von den drei Arten, denn der Index funktioniert genau so, wie das viele noch aus der Schule über (dort vermutlich: sprachliche) Zeichen wissen: Es steht für etwas anderes. Also für das vom Zeichen Gemeinte. Das macht das indexikalische Zeichen auf die deutlichste Weise. Ein Index ist ein Hinweis, ein Indiz oder z.B. auch ein Symtom: Er steht für etwas, das er selbst nicht ist. Ein Wegweiser zeigt auf ein bestimmtes Ziel oder Objekt, ist aber eben nicht dieses Ziel oder Objekt, hat mitunter auch überhaupt keine Ähnlichkeit damit. Aber ohne dieses Objekt, also das vom Zeichen Gemeinte, wäre der Index sinnlos.
In diesem Beispiel ist die Abbildung eine Fotografie: Tatsächlich muss es also eine gelbweiße Fassade mit Kastanie davor samt Lichterkette so gegeben haben, denn sonst könnte es keine Fotografie davon geben. Das wäre auch dann so, wenn niemand die Fotografie beispielsweise als Index auf einen Biergaren interpretieren würde.
Diesen starken Zusammenhang zwischen einem Index-Zeichen und seinem Objekt kann man an anderen Beispielen verdeutlichen: Eine Fußspur im Sand ist ein eindeutiger Index dafür, dass hier jemand entlanggelaufen sein muss, denn wenn nicht, dann gäbe es auch keine Fußspuren. Oder: Wo Rauch ist, da muss es in der Nähe auch Feuer geben. (Oder einen Raucher.)
Allerdings kann ich das Bild zugleich auch als ikonisches Zeichen auffassen: Dann nämlich, wenn mir die im Bild gezeigten Einzelheiten also sehr ähnlich oder so typisch für einen bayerischen Biergarten im Herbst vorkommen, dass das Foto einen ikonischen Wert für mich bekommt. (Fotografien haben immer diese Mehrdeutigkeit an sich, dass sie zugleich Index und Ikon sind.)
Was ich aus dem Bild als Zeichen mache, bleibt letztendlich mir überlassen. Wenn ich das Bild als Index auffasse, dann thematisiere ich das, wofür es stehen könnte, aufgrund einer bestimmten Verbindung zu diesem Etwas. Ich könnte mich aber auch fragen: Ist es wirklich ein Index für Herbst oder ist es nicht vielmehr ein Index für Borkenkäferbefall? Oder für Klimawandel?


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