oder:
Warum der „gesunde Menschenverstand“ ziemlich blöd ist
Ich möchte noch einmal auf die Methoden zur Festigung der Überzeugung zurückkommen, wie Peirce sie vorgeschlagen hat, und die ich in dem Beitrag „Fixation of Belief“ vom 21. Juni 2025 diskutiert habe. Er nannte vier Möglichkeiten, wie wir unsere Überzeugungen festigen können, nämlich die Methode des Beharrens, die der Autorität, die apriorische und die wissenschaftliche. Nur die wissenschaftliche Methode hält Peirce für geeignet, Überzeugungen zu festigen, weil sie die einzige Methode ist, die nicht auf unserem Willen fußt, sondern auf Fakten, also der Realität, die unabhängig von unserem Willen existiert.
Die ersten beiden Methoden des Beharrens und der Autorität scheiden aus offensichtlichen Gründen als Kandidaten für eine annehmbare Methode, Überzeugungen zu stützen, aus. Die dritte Methode, die Peirce die apriorische nennt, ist etwas komplizierter: Sie gründet auf allgemein akzeptierten Prämissen, auf so etwas wie – mit Lacan gesprochen – der symbolischen Ordnung: Übereinkünften und Konsens darüber, wie die Welt funktioniert und wie die „Ordnung der Dinge“ (Foucault) uns erscheint. In seinem kurzen Essay „The Fixation of Belief“ setzt Peirce sie der Mode gleich. Das wäre die Variante, die wir alle kennen: Was heute angesagt ist, was alle tun, was allen als das Nonplusultra erscheint, kann morgen schon wieder völlig passé sein.
An der Art und Weise, wie wir gerade überwunden Moden als besonders ablehnenswürdig erachten, können wir übrigens, mit etwas Abstand, erkennen, als wie wenig gut begründet sich auch die jeweils aktuelle Mode früher oder später erweisen mag.
Der Vergleich mit Moden macht die Art und Weise dieser Methode, Überzeugungen zu festigen, drastisch klar, aber Peirce nennt sie die apriorische Methode, und das geht etwas tiefer als „Mode“.
Tatsächlich geht es hierbei nämlich um das Gesamt unserer Alltagserfahrungen: Diese Ordnung der Dinge ist die Gesamtheit unserer Überzeugungen, die wir vor allem als Erfahrungswissen teilen. Das ist praktisch unsere gesamte Alltagsrealität: das ist das Universum des common sense bzw. des gesunden Menschenverstands.
Tatsächlich liegen die apriorische und die wissenschaftliche Methode ziemlich eng nebeneinander, sie unterscheiden sich nur durch ein haarfeines, aber entscheidendes Merkmal, deswegen will ich versuchen, zuerst die apriorische Methode genau zu analysieren: der Schritt zur und die Abgrenzung von der wissenschaftlichen Methode fällt gedanklich dann leichter.
“Common sense is that which tells us that the earth is flat”
Kurz gesagt, können wir unsere Urteile über das, was wir erleben und erfahren als apriorisch (lat.: ‚from Früheren her‘, also im Sinne von: „von vornherein“) oder als aposteriorisch (lat.: ‚vom Späteren her‘, also im Sinne von „aufgrund unserer Erfahrung“) einteilen. Apriorische Urteile sind solche, die unabhängig von unserer Erfahrung immer gültig sind, aposteriorische Urteile sind solche, die erst aufgrund unserer Erfahrung gebildet worden sind.
Ein Beispiel: Die Aussage „Ein Dreieck wird durch drei Punkte definiert, die nicht auf einer Geraden liegen.“ ist immer gültig, egal, welches Dreieck wir auch immer sehen oder denken. Ganz egal, was wir sehen, wenn wir ein Dreieck sehen, ist es durch drei Punkte markiert, die nicht auf einer Geraden liegen. Immer! Das ist apriorisches Wissen. – Im Gegensatz zu Erfahrungswissen, das aposteriori ist – also nach oder aufgrund unserer Erfahrung. Die Aussage „Alle Schwäne sind weiß.“ Gründet auf einer langen Erfahrung, der zufolge alle Schwäne, die wir bisher gesehen haben, weiß waren. Dieses Erfahrungswissen ist aposteriorisch. – Bis wir dann eines Tages einen schwarzen Schwan sehen, der also unsere Überzeugung ins Wanken geraten lässt.
In unserem alltäglichen Weltwissen sind wir jedoch angewiesen auf ziemlich viele Grundannahmen, von deren Richtigkeit wir überzeugt sind, von denen wir felsenfest ausgehen können, zum Beispiel davon, dass alle Menschen sterblich sind oder dass die Sonne jeden Tag aufgeht. Das meiste von diesem Wissen ist common sense-Wissen, auf das wir uns als jeweilige Gesellschaft verständigen können – andernfalls würde unser Alltag in Chaos versinken.
Im englischen Ausdruck „common sense“ wird der gemeinschaftliche Charakter deutlicher als im deutschen „gesunden Menschenverstand“.
Denn natürlich geht es nicht nur darum, dass eine Gemeinschaft oder Gesellschaft eine konsensuelle Wissensbasis teilt, sondern es geht auch darum, dass der, der von einer Grundannahme überzeugt ist, davon ausgeht oder einfordert, dass die anderen das genau so sehen wie er – andernfalls sie ja eben keinen gesunden Menschenverstand hätten.
Wir sind davon überzeugt, dass die anderen unsere Meinung teilen müssten, wenn sie denn über ausreichend gesunden Menschenverstand verfügen. Wir sind davon überzeugt, dass unser gesunder Menschenverstand eine einheitsstiftende Funktion habe. Und mit den entsprechende Floskeln – „Es ist uns allen doch vollkommen klar, dass…“ – zerren wir andere ins Einvernehmen.
Überzeugungen, die uns unser gesunder Menschenverstand ermöglicht, müssen also konsensfähig sein und keiner weiteren Begründung bedürfen. Sie sollten evident sein. Ein angenehmerer Name als Mode ist unter diesem Aspekt die Norm. Common sense-Wissen ist normativ: möglichst viele sollen hinter diesem Wissen versammelt werden, denn es gilt dann als „normal“. Wer davon abweicht ist nicht normal, oder hat eben: keinen gesunden Menschenverstand. (Man bemerke hier den extrem ein- und ausgrenzenden Mechanismus als starken Motor für derartige Normierungsversuche – ganz so, wie sie auch Foucault eben z.B. in der „Ordnung der Dinge“ beschrieben hatte.)
Eine Strategie, die diese Bedingungen fördert, ist die Naturalisierung unserer common sense-Überzeugungen. Liegen bestimmte Erscheinungen (siehe Sonnenaufgang) in der Natur der Sache, erübrigt sich jede weitere Begründung. In diesem Sinne naturalisiert, kommt demjenigen, der zu einer Überzeugung gelangt ist, gar nicht in den Sinn, dass es möglicherweise Alternativen zu seiner Überzeugung geben könnte. Ohne die Vorstellung denkbarer Alternativen, wird uns folglich nicht einmal bewusst, dass unsere Überzeugung letztendlich auf einer Entscheidung basiert, von dieser bestimmten Prämisse als nicht hinterfragbare Begründung auszugehen.
Aber all diese Strategien, common sense-Wissen zu legitimieren, laufen darauf hinaus, sie unhinterfragbar zu machen. Sei es die Evidenz oder sei es die „Natur“: An einem bestimmten Punkt wird die Begründung tautologisch: Es ist halt so wie es ist. Und jeder, der das anders sieht, verfügt eben über keinen gesunden Menschenverstand.
Und nun können wir uns denken, warum Peirce diese Methode als apriorische Methode bezeichnet hat: Sie tut so, als ob ihre Ausgangsargumente nicht hinterfragbar seien, als stünden sie von vornherein fest, als seien sie eben apriorisch.
Die Vernünftigkeit der faktischen Welt
Das funktioniert in unserer Alltagrealität immerhin ziemlich gut!
Hier könnte man an Lacans Konzept der symbolischen Ordnung denken: ein individuelles, aber auch gemeinschaftlichs System aus Überzeugungen, Gesetzen und Regeln, die es der Gemeinschaft erlauben, ein soziales Miteinander aufzubauen. Und da wir Überzeugungen deshalb brauchen und schätzen, weil sie uns dazu verhelfen, zu handeln (statt ewig im Zweifel zu verharren), erweisen sich solche symbolischen Ordnungen als ziemlich praktikabel.
Dass man – aus solchen Überzeugungen heraus – Kinder über mehrere Generationen hinweg mit Spinat gequält hat, war jedenfalls nicht gesundheitsschädlich. Dass andererseits die amerikanische Auffassung, zu einem ordentlichen Frühstück gehören viele Eier und Speck, einfach auf einer von der Fleischindustrie lancierten Idee zur Steigerung ihres Profits war, hatte schon erheblichere gesundheitliche Folgen. Gut, all sowas hat man mal geglaubt, man war davon überzeugt.
Aber das ist der Punkt: Wir haben als Begründung durch unseren gesunden Menschenverstand im Grunde nichts Besseres, als Glauben. Oder, um es gemeiner zu formulieren: Der gesunde Menschenverstand liefert uns überhaupt keine Begründung.
Die wissenschaftliche Methode wird sich damit nicht zufriedengeben. Und mit dem Hinweis, weiter oben, auf die Naturalisierungsbemühungen, also die Versuche, die Überzeugungen des gesunden Menschenverstands als etwas aufzufassen, was natürlich sein, von der Natur so vorgesehen, ist die apriorische Methode der wissenschaftlichen schon direkt auf den Fersen. Denn die Naturalisierung der Begründungen imitiert gewissermaßen das entscheidende Argument der wissenschaftlichen Methode: Nämlich, die Begründung von Ordnung und Gesetzmäßigkeit außerhalb unseres Wollens und Willens, nämlich in den Fakten zu suchen.
In der apriorischen Methode bleibt das, wie wir gesehen haben, reine Behauptung.
In der wissenschaftlichen Methode hingegen beharren wir darauf, unsere Begründungen in Frage zu stellen. Und das ist der feine, aber entscheidende Unterschied: Die wissenschaftliche Methode ist gewissermaßen der auf Dauer gestellte Zweifel. Peirce argumentiert hier sehr psychologisch, indem er darauf hinweist, dass wir unsere Überzeugungen nicht nur lieben, das wir an ihnen hängen, sondern „[…] wir klammern uns hartnäckig daran, nicht nur zu glauben, sondern genau das zu glauben, was wir glauben.“ (Die Festigung der Überzeugung, S. 47)
Solange es so einigermaßen klappt, mit unseren Überzeugungen (siehe Spinat), sind wir nur äußerst ungern dazu bereit, sie in Zweifel zu ziehen.
In der wissenschaftlichen Methode ist der Zweifel hingegen Programm. Ihren Impuls bezieht sie aus einem weiteren Wunsch der Menschen, wie Peirce schreibt: „Ein Mensch […] sollte überlegen, daß er eigentlich wünscht, daß seine Meinungen mit den Fakten übereinstimmen und daß es keinen Grund gibt, warum diese drei Methoden [die des Beharrens, der Autorität und die apriorische; N.O.] zu diesem Ergebnis führen sollten. Diese Wirkung hervorzubringen, ist das Vorrecht der wissenschaftlichen Methode.“ (Die Festigung der Überzeugung, S. 57)
Die wissenschaftliche Methode reißt uns aus unserer Bequemlichkeit. Sie hinterfragt jede Begründung – um zu den Fakten vorzudringen, die ihre Gesetzmäßigkeiten unabhängig von unserem Willen haben. Ihre „Überzeugungen“, ihre Ausgangspunkte, formuliert sie als Hypothesen. Ihre Grundlagen bezeichnet sie mit dem relativierenden Zusatz: „Stand der Forschung“ oder „Stand des derzeitigen Wissens“.
Peirce hat diese Haltung, den Zweifel (am Wissen) auf Dauer zu stellen als Fallibilismus bezeichnet: Die Einsicht, dass alle Erkenntnis vorläufig ist, hypothetisch, und dass der Wissenschaftler jederzeit dazu bereit ist, seine Überzeugungen fallen zu lassen, wenn die Fakten gegen sie sprechen.
Diese wissenschaftliche Methode arbeitet mit Hypothesen. Das ist der feine, aber alles ändernde Unterschied gegenüber der apriorischen Methode. Die letztere liebt ihre Überzeugungen, sie stellt sie nicht freiwillig in Frage. Im Gegenteil, sie versucht sie vielmehr (siehe Konsens, was den gesunden Menschenverstand betrifft) als Norm durchzusetzen. Die wissenschaftliche Methode ist ebenso weit entfernt von Überzeugungen wie vom Glauben.
In der Konsequenz bedeutet das, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, dass nicht wir mit unserem Geist Vernunft und Rationalität in die unkultivierte, chaotische Natur und Welt bringen, sondern vielmehr, dass sich unser Geist und unser Denken allmählich der Vernünftigkeit des Universums anpassen:
“Die Tendenz, welche er [Peirce, N.O.] von allen [führenden Logikschulen seiner Zeit; N.O] am meisten ablehnt, ist die Neigung, das menschliche Bewußtsein als den Autor der Vernünftigkeit anzusehen, statt als etwas, das sich mehr oder weniger der Vernünftigkeit anpaßt.“ (Peirce, Semiotische Schriften, III, S. 382)


Schreibe einen Kommentar