Da Dopaminfasten zurzeit ein großes Thema ist, möchte ich zwei Konzepte aus der (Lacanschen) Psychoanalyse ansprechen, die erklären können, mit welchen Energien wir es zu tun haben, wo offenbar so viele das Gefühl haben, ihren Dopaminhaushalt durch Fasten ein wenig drosseln zu wollen.
Das Leben besteht, neben der Befriedigung der Grundbedürfnisse, im Wesentlichen in einem Ringen darum, Unlust zu vermeiden und Lust zu erreichen, wobei es vor allem darum geht, Spannungen abzubauen und Genuss zu erfahren. So, die Sicht der Psychoanalyse. Der ausgeglichene, in sich ruhende Mensch, ist aus dieser Perspektive sicher ein anzustrebendes Ziel, aber ihr Thema, das sind die Fälle, wo das nicht klappt. Lus und Unlust klingen zunächst eher harmlos, aber hier geht es um Psychoanalyse: Was bei Freud wild klang, bekommt bei Lacan eine wirklich beunruhigende Dimension, denn ihm zufolge ist der „Normalzustand“ eben der des Ringens um eine recht fragile Stabilität, zwischen Unlust und Lust. Und wenn man sich den „psychischen Apparat“ ansieht, wie Lacan ihn beschreibt, dann ist es eher die Ausnahme, einen stabil zufriedenen Zustand tatsächlich zu erreichen.
Lacan hat hierfür zwei Konzepte, nämlich das Begehren (désir) und das Genießen (jouissance). Aber, um auch diesen hübschen Wörtern gleich ihren Zauber zu nehmen: Das Begehren ist unerfüllbar und das Genießen ist abstoßend und obszön.
Begehren (désir)
Um das Begehren zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf die Psychogenese werfen, genauer auf das, was Lacan das Spiegelstadium nannte. Ich habe es bereits in meinem Blogbeitrag „Narzissmus“ vom 23. März 2025 beschrieben. Zur Rekapitulation: Das Kleinkind beginnt im Alter von etwa 18 Monaten auf sein Spiegelbild höchst affektiv zu reagieren: In ihm, in diesem anderen, im Spiegel, erkennt es sich selbst. Es sieht seine Spiegelversion aber in einer Perfektion und Ganzheit, die es an sich selbst noch nicht wahrnehmen konnte. Sowohl seine Perfektion als auch die Tatsache, dass er dort im Spiegel, also woanders ist, machen diesen „klein anderen“ im Spiegel begehrenswert. Und deshalb ist mit dem Eintritt ins Spiegelstadium ein Verlust verbunden: Der Verlust nämlich eben jenes perfekten anderen, der ich selbst bin. Dieser Verlust ist unwiederbringlich, das „Objekt klein a(nderer)“ ist verloren, weshalb sich fortan ein Begehren danach entwickelt, das sich, weil das Objekt a verloren ist, auf alle möglichen anderen Objekte beziehen kann, die aber alle nur ein Ersatz für das ursprünglich verlorengegangene Objekt klein a sind.
Das Spiegelstadium ist also einerseits der erste Moment der Selbstreflexion, aber vor allem ist er eine Erfahrung des Verlusts. So lässt uns das Spiegelstadium nicht nur als entfremdet, als ex-sistierend zurück, weil wir uns nur im anderen (im Spiegel) erkennen, sondern, dieses andere, das mehr ist als wir selbst, wird fortan zu einem Objekt klein a(nderes), dessen Verlust uns immer begleiten wird. Dieser Verlust ist also die Bedingung für die „Subjektwerdung“ des Menschen; er ist konstitutiv.
Manchmal leben wir mit der mehr oder weniger vagen Vorstellung des Ziels unserer Träume vor Augen, wir meinen, das Objekt oder Ziel unseres großen Begehrens deutlich zu erkennen, sei es im Erreichen eines Bildungsabschlusses, oder in der Verwirklichung einer großen Reise, oder etwa, die Heirat eines Traumpartners. Viel investieren wir an Mühe, Bestreben und Geduld in die Verwirklichung solcher Ziele. Und was wir nicht für großartige Erwartungen dareinsetzen, wenn wir diese Objekte oder Ziele wohl endlich einmal erreicht haben würden! Nur: Sind sie dann tatsächlich erreicht, stellen wir fest: Das war’s nicht.
Manchmal stürzt man nach dem Erreichen eines großen, lang angestrebten Ziels regelrecht in ein Loch, und an dem Punkt, an dem man doch eigentlich eine Art Erfüllung erhofft hatte, bleibt nur eine ziemlich ungewisse und hilflose Frage: Und was jetzt?
(Warum enden Filme abrupt mit dem „Happy End“? Weil danach nichts mehr kommt, außer Ennui. Weil die Erreichung des Ziels oder Objekts vor allem eins bedeutet: Dass wir es nicht mehr begehren können.)
Genau das ist damit gemeint, dass das Objekt klein a schon immer verloren war – und schon immer verloren sein wird. Sobald wir glauben, es in den Händen zu halten, stellen wir fest, dass es das nicht war.
Nun kann als Objekt a alles dienen, worauf sich unser leidenschaftliches Begehren richten mag, nicht nur sozusagen narzisstische Wünsche, sondern alle erdenklichen Ziele, das Begehren zu Wissen, jeder Ehrgeiz, der sich auf mehr oder weniger utopische Ziele richtet, jede Forschung, jeder Fortschritt ist letztendlich angetrieben vom Begehren des Menschen.
Ohne Begehren würden wir nur aber eben nur das: dahinvegetieren, ohne Antrieb, ohne Ziel und ohne Träume. Insofern ist das Begehren ein enorm wichtiger Motor.
Genießen (jouissance)
Das Begehren hat auch noch eine andere Funktion: Es soll uns vor dem Genießen bewahren.
Denn das Genießen hat bei Lacan nicht mit etwa einer guten Tasse Tee zu tun, die wir uns zufrieden gönnen, denn dieser Genuss ist nice to have, hat aber mit dem von der Psychoanalyse gemeinten Genießen wenig zu tun.
Was ist dieses Genießen? Lacan erkennt es bei Freud: Der schrieb über den Rattenmann: „Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt man an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichtsausdruck, den ich nur als Grausen vor einer ihm selbst unbekannten Lust auflösen kann.“ Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Studienausgabe: Fischer, Frankfurt a.M.: S. 44)
In der psychischen Ökonomie hat das Begehren die Aufgabe, das Genießen aufzuschieben oder zu verhindern, das Genießen ist dadurch gleichsam mit Verbot belegt. Obwohl der Mensch also zum Genießen tendiert, und zwar total: zum exzessiven Genießen, wird es gerade durch das Begehren reguliert, gebremst, versagt. Aber eben dieses Verbot schafft den Anreiz zu seiner Überschreitung.
Nun stellt euch ein exzessives Genießen vor, das keine Grenzen oder Schranken mehr hat, stellt euch beispielsweise obsessive Selbstbefriedigung vor. Und jetzt stellt euch die in endloser Wiederholung vor. Und schon sehr schnell wir euch klar, wie bald solches Genießen in eine idiotische Quälerei ausartet, und wie sehr bei dieser Vorstellung Gefühlsregungen wie Überdruss, Angewidertsein, Ekel usw. auftauchen. Lust können wir nur in sehr kleinen Dosen ertragen, sonst kippt sie um in etwas zutiefst Obszönes und Leidvolles.
Und nun übertragt das auf andere, alle möglichen, denkbaren Formen des Genießens: Denkt an den Film „Das große Fressen“ von Ferreri (wobei hier der Titel eigentlich schon alles sagt), oder stellt euch vor, ein Kindertraum, wie in einem See aus Softeis zu baden, würde wahr, denkt euch, euch würde ohne Unterbrechung in einer Endlosschleife die Lieblingsstelle eurer Lieblingsmelodie vorgespielt werden. Versucht, euch entsprechende Beispiele auszudenken, und ihr werdet merken, wie schnell das regelrecht pervers wird.
Ein recht drastisches Beispiel sieht Zizek in einer Erzählung von Kafka. In dessen Geschichte „Der Landarzt“, wird dieser ans Bett eines kranken Jungen gerufen und dort macht er folgende Beobachtung:
„In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen, ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.“
Das ist das Genießen, in seiner stummen, abscheulichen, stupiden Vitalität.
Aber da Begehren und Genießen zwei Kräfte sind, die immer und überall wirken, muss man sich das Genießen nicht nur in derart expliziten Momenten vorstellen, es drängt permanent auch durch scheinbar ruhige Oberflächen hervor.
Dieses Genießen kann man überall im Alltag beobachten: Immer dann, wenn euch ein leichtes Grauen befällt, bei der Art, wie jemand eingehend seine Fingernägel betrachtet, dann womöglich an einem zu kauen beginnt, wenn jemand hingebungsvoll einen Tic auslebt, wenn jemand beispielsweise ständig an seinen Fingern schnuppert, oder auch nur eine bestimmte Handbewegung obsessiv wiederholt, beispielsweise, indem er sein Knie oder eine Stoffserviette am Tisch streichelt – meistens geschehen solche Gesten sehr gedankenverloren oder geistesabwesend: Natürlich, denn wären diese Gesten den Leuten in dem Augenblick bewusst, würden sie sie auf der Stelle unterlassen. In solchen Kleinigkeiten kann sich das Genießen äußern, es ist immer stumm, unangenehm vital und völlig stumpfsinnig – und vor allem: Es ist irgendwie immer da.
Zizek nennt es „idiotisches Genießen“ (siehe Slavoj Zizek: Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!. Merve, 1991, S. 61 et passim), er bezeichnet es als quälend und abstoßend, er erkennt es in einem Tic, es könne sich in einem „grauenhaften Körpermal“ zeigen, das nur stumm ein „ekelhaftes Genießen bezeugt“ und so fort.
Warum nennt er es idiotisch? Weil es etwas ist, das an sich vollkommen sinnlos ist, es ist einfach auf sehr penetrante Weise da. Eins seiner Beispiele ist unsere Faszination von Bildern des Wracks der gesunkenen Titanic. Ihre „träge Präsenz“ am Meeresboden zeigt Zizek zufolge die traumatische Dimension des Genießens; über die Fragmente dieses Wracks schreibt er, sie „gleichen dem Geronnenen eines unmöglichen Genießens.“ (ebd., S. 22)
Und damit sind wir bei den sozialen Medien und dem Dopamin: Hier bekommen wir das idiotische Genießen unmittelbar und ohne den Umweg über das Begehren förmlich eingeflößt. Jouissance, das idiotische Genießen ist das, womit soziale Medien wie Instagram uns ohne Umschweife und in Fülle überschwemmen. Hier ist kein Raum für Begehren, hier wird Lust direkt bedient.
In unszusammenhängender Abfolge sehen wir süße Katzen, Autounfälle, das Ausdrücken eines Pickels, lustige Pranks, eine Leiche am Himalaya, Magersucht in unbegreifbarem Ausmaß, gefolgt von Tierbabies, Selbstoptimierungs-Tipps und weiteren Unfällen aller Art. Wir konsumieren und posten, wir liken und sammeln Likes und Kommentare, wir produzieren uns oder stehen nur staunend am Rande der Tanzfläche. Wir stehen unter Dauerbefeuerung der Dopaminausschüttung und damit des Genießens. Wir müssen noch nicht einmal Lust oder irgendeine Art von Erregung gespürt haben, schon kommen wir unmittelbar zum Genießen.
Egal, von was wir uns im Einzelnen unsere liebsten Kicks und kleinen Schocks holen, von welchen Skurrilitäten oder Obszönitäten wir uns faszinieren lassen, welche permanenten Bestätigungs-Kicks uns Likes verschaffen, oder welche süßen oder einfach verführerischen Bilder wir bis zur Übersättigung präsentiert bekommen: Wir bekommen nur direkt die Thrills und Sahnehäubchen. Am Ende stehen wir da, wie Freuds Rattenmann, mit einem „sonderbar zusammengesetzten Gesichtsausdruck“, der „als Grausen vor einer ihm selbst unbekannten Lust“ beschrieben werden kann.
Das Genießen ist (da es dem Realen angehört) immer da, es ist zuverlässig da, unsere Beziehung zu ihm hat viel mit dem Wiederholungszwang zu tun, wie bei allen potenziell süchtig machenden Dingen, wissen wir schnell sehr genau, wo wir es uns besorgen können, immer und immer wieder – und genau das wird von Social Media natürlich auf perfekte Weise bedient.
Unterstützt wird das durch die pausenlos unterlegten, immergleichen Liedfragmente, aus den jeweils aktuellen etwa fünf Hits, und zwar den Refrains, oder oft jedenfalls jenen Stellen, die auch in Musikstücken normalerweise erst durch geduldiges Zuhören als Höhepunkt kommen – genau diese Takte werden in endloser Wiederholung abgespielt und bekommen allesamt dadurch den Charakter blödsinniger Ohrwürmer, bis zur völligen Übersättigung und bis zum quälenden Überdruss. Sie werden vollkommen sinnlos und in dieser Sinnlosigkeit penetrant.
Nach einer Weile Scrollen – und ebenso langem idiotischen Genießen – haben wir das Gefühl, dass dieses famose Geschenk „seltsam!, […] sich in ein Geschenk von Scheiße“ verwandelt hat. (Lacan: Das Seminar Buch XI, 1987, S. 283)
Dopaminfasten wird uns nicht retten.
Das Genießen „haftet uns an“, ob wir wollen oder nicht, und insofern bedeutet Dopaminfasten oder Entsagung eigentlich immer noch mehr Genuss. (Zizek, ebd., S. 39) Ebenso wie es ein unwiderstehliches Begehren sein kann, nicht zu begehren, so enthält der Verzicht aufs Genießen bereits das Versprechen eines um so größeren Genießens. Und tatsächlich soll am besten nicht nur dem Smartphone und PC entsagt werden, sondern allen erdenklichen Genüssen, wie Essen oder Sprechen! Und tatsächlich ist das die große Verheißung der Gurus des Dopaminfastens: Noch mehr zu genießen! „Wie soll man den Genuß übersehen, der am fundamentalen totalitären Ausruf „Genug des Genießens! Wir verlangen von euch Entsagung und Opfer!“ haftet?“ (Zizek, ebd., S. 39)
Als Lacanianerin denke ich, wir werden uns da, wie überall im Leben, schon irgendwie durchlavieren, und wie so oft Federn lassen. Solange mit uns alles einigermaßen in Ordnung ist, wird uns beides bleiben: das Begehren und das Genießen. Jeder Mensch ringt auf die eine oder andere Weise mit diesen beiden. Die Algorithmen der Social Media sind nur eben darauf spezialisiert, die individuellen Triggerpunkte zum unmittelbaren Genießen zu bedienen.
Man kann das (dank Lacan) alles wissen. Wir können nichts anders tun, als zu versuchen, eine gewisse Balance zwischen Begehren und Genießen zu finden, die uns erträglich und annehmbar erscheint. Es ist alles eine Frage von Lust und Unlust:
„Ça commence à la chatouille et ça finit par la flambée à l’essence. Ça, c’est toujours la jouissance.”1
PS.: Gerade fällt mir auf, dass man genau so auch die Psychoanalyse selbst charakterisieren könnte: Es fängt mit einem Kribbeln an…
- Lacan, L’envers de la psychanalyse. Séminaire livre XVII, S. 83.
Auf deutsch etwa: Das fängt mit Kribbeln an und hört damit auf, dass man, von Benzin übergossen, in Flammen aufgeht. All das ist jouissance. ↩︎


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