Hypothesen

Hypothesen

Abduktion oder: Hypothesen

Sicher erinnert ihr euch an den „kleinen Prinz“: Der Erzähler berichtet von seiner ersten Kinderzeichnung, die er verschiedenen Leuten vorlegt, in der Annahme, sie würde ihnen Angst einjagen (siehe Abbildung). Aber die Leute wundern sich, warum ihnen das Bild eines Huts Angst einjagen solle. Der Erzähler ist verwirrt, denn er hat doch keinen Hut gemalt, sondern eine Boa, die einen Elefanten verschlungen hat.

Was ist hier passiert? (aus semiotischer Perspektive)

Wir sehen ein braunes Etwas, das schon irgendetwas sein könnte – nur was?

An dieser Stelle kommen wir ins Grübeln und was wir nun tun, ist, Hypothesen aufzustellen: „Es könnte ein Hut sein!“ Oder: „Es könnte eine Riesenschlange sein, die einen Elefanten verschlungen hat!“

Immer, wenn wir etwas zunächst Unverständlichem begegnen, beginnen wir mit erklärenden Hypothesen. Denn die Hypothese „Hut“ oder auch „Riesenschlange, die einen Elefanten verschlungen hat“ würde die seltsame Form durchaus plausibel erscheinen lassen.

Der Witz an dieser kleinen Episode im „Prinz“ ist, dass die „Riesenschlangen“-Hypothese so enorm phantasievoll oder gewagt erscheint. Tatsächlich ist dies aber tatsächlich der grundsätzliche Charakter aller Hypothesen: sie sind gewagt. Aus wenn sie plausibel erscheinen.

Sie bilden eine der drei (in der Semiotik) möglichen Schlussfolgerungsweisen, nämlich die Abduktion, neben der es noch die Deduktion und die Induktion gibt. (Ausführlich zu den drei Schlussfolgerungsweisen beschreibe ich demnächst in einem anderen beitrag).

Abduktives Schließen wird immer dann erforderlich, wenn wir mit einem unverständlichen Phänomen konfroniert werden, und daher Hypothesen bilden, die eine plausible Erklärung des Phänomens anbieten – hier: „Riesenschlange“.

In der Geschichte wird berichtet, die meisten Leute sähen in dem seltsamen Etwas einen Hut, aber nach der Erklärung „Riesenschlange, die einen Elefanten verschlungen hat“, wird euch diese Erklärung plausibel vorkommen: „Ah, klar! Jetzt seh ich’s auch!“

In der Geschichte ist das ein charmanter Witz, aber in Wirklichkeit sollten wir solche (gewagten) Hypothesen immer prüfen – zumindest, wenn wir in Situationen auf unerklärliche Phänomene treffen, die wir unbedingt erklären wollen. Jedes Problem stellt uns vor diese Anforderung: Welche Erklärung bietet sich an? Welche Erklärung könnte zutreffen?

Peirce beschreibt diese (gewagte) Art zu Schließen wie folgt:

  1. C = seltsamer brauner Fleck ↩︎
  2. A = Hypothese: „Riesenschlange, die einen Elefanten verschlungen hat“ ↩︎


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