Gegen Wahlen!

Gegen Wahlen!

Es ist gut möglich, dass die AfD demnächst an die Macht kommt. Unter all den zum Teil verzweifelt dafür um Erklärung ringenden Ansätzen und Theorien, möchte ich von einer sehr niederschwelligen Annahme ausgehen, die viele von ihnen teilen: der Politikverdrossenheit. Die wiederum möchte ich nicht zu erklären versuchen, sondern ich möchte sie als Prämisse nehmen für die Besprechung des Buchs „Gegen Wahlen“ von David van Reybrouck und einiger Ideen, die ich bei Audrey Tang aufgeschnappt habe.

David van Reybrouck ist belgischer Historiker, Archäologe und vor allem Autor sowohl von belletristischen Werken als auch von wissenschaftlichen Arbeiten zu politischen Themen wie Klimawandel, Postkolonialismus und Demokratie. Er wurde unter anderem 2023 für sein Buch „Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt.“ Mit dem Geschwister-Scholl-Preis und 2025 mit der Goethe-Medaille für sein Engagement gegen der Klimawandel ausgezeichnet.

Audrey Tang, frühere Hackerin und Programmiererin sowie Digitalministerin in Taiwan, arbeitet inzwischen als Digitalbotschafterin, indem sie Verbesserungen der demokratischen Prozesse in Taiwan durch Digitalisierung als Modell für andere demokratische Länder vorstellt. 2025 wurde sie „Für das Voranbringen des sozialen Gebrauchs digitaler Technologie, um Bürger zu stärken, die Demokratie zu erneuern und Gräben zu kitten“ 1 mit dem Right Livelihood Award, dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet.

Beiden Vorschlägen liegt eine Idee der Konzentration auf Sachthemen, auf das Faktische zugrunde, das in Peirce‘ Werk eine so bedeutende Rolle spielt, wenn es ihm darum geht, man möge sich, bei allem, womit man sich beschäftigt, darum bemühen, den faktischen Kern des Objekts seiner Betrachtungen klar machen.

Gegen Wahlen

David van Reybrouck hinterfragt den Sinn und Wert von Wahlen. Er hinterfragt den Urnengang als Höhepunkt unserer Vorstellung von freiheitlicher Demokratie. Er geht dabei von der Beobachtung aus, dass „Wahlen“ und „Demokratie“ „für fast jeden zu Synonymen geworden“ sind.2 Er betont den „blinden Glauben an den Urnengang als das ultimative Fundament der Volkssouveränität“ (47); „Wer Demokratie sagt, sagt Wahlen.“ (46) Und genau diese Überzeugung stellt er mit seinem Buch Gegen Wahlen in Frage.

Wahlen in der uns bekannten Form lösen van Reybrouck zufolge nicht die Krise, in der sich die Demokratien in den westlichen Ländern befinden. In seinem Buch schlägt er deshalb ein „birepräsentatives System“ vor, in dem ein Teil der Volksvertretung gewählt, der andere jedoch ausgelost wird.

Die eklatantesten Vorteile, die sich für die Demokratie durch solche Losverfahren ergeben würden, sind zusammengefasst: Kein Lobbyismus, keine Korruption, keine Orientierung an Wahlkampf, keine Ideologie/Kulturkämpfe und vor allem: Bürgerbeteiligung und Einbeziehung.

Das Losverfahren bringt „… die Politik zurück zu den Bürgern: Der elitäre Unterschied zwischen Regierenden und Regierten ist gänzlich aufgehoben. Wir sind wieder beim aristotelischen Ideal des Wechsels von Regieren und Regiertwerden.“ (153)

Kann man der Bevölkerung so viel zutrauen? In dieser Frage steckt schon eine große Menge elitärer Hybris, weshalb van Reybrouck immer wieder darauf hinweist, wie wichtig es wäre, „loszulassen“, Verantwortung zu teilen: „Der Bürger ist weder Kind noch Kunde.“ (155).

Denn dies ist ja ein zentrales Merkmal der Legitimierung repräsentativer Demokratien: Man hält politische Entscheidungen „für zu wichtig, um sie dem Volk zu überlassen.“ (153), aber dieses Misstrauen ist dasselbe, das man vor gar nicht so langer Zeit auch gegen das Frauenwahlrecht zu Felde führte. Dieses Misstrauen, das dazu führte, Frauen (früher aber auch: Bauern und Arbeiter) nicht als mündige Bürger anzusehen, erscheint aus heutiger Sicht einfach als das, was es ist: absurd.

Und mehr noch: Es ist eins der Symptome der Krise unserer repräsentativen Demokratie, die insgesamt geprägt ist von gegenseitiger Furcht und Misstrauen zwischen Regierung und Bürgern.

Die Furcht vor den Bürgern treibt die Politik in einen auf Dauer gestellten Wahlkampfmodus – Sachpolitik, vor allem langfristigere politische Perspektiven und Gestaltung werden kurzfristigen Wahlversprechen geopfert.

Gleichzeitig wächst das Misstrauen der Bürger gegenüber der Politik. Das ist wirklich ein Teufelskreis, aus dem ein birepräsentatives Modell einen Ausweg zeigt.

Aber beginnen wir von vorne:

Dass sich der politische Wille der Bevölkerung mehr oder weniger allein im Ritual der Wahlen ausdrücken kann, hat einige Nachteile. Wenn wir heute wählen, sind wir dazu gezwungen, uns für ein ganzes Paket zu entscheiden. Van Reybrouck verweist hier auf Colin Crouch, der den Begriff der Postdemokratie vorgeschlagen hat, und der damit beschreibt, dass die auf Wahlen fixierte Demokratie „zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten [gemeint sind: professionelle PR-Experten; N.O.] zuvor ausgewählt haben. […] Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“ (57)

Diese PR-mäßige Professionalisierung der Postdemokratie, wie sie van Reybrouck zufolge in Berlusconis Italien am deutlichsten zutage trat, ist heute abgelöst von der „Machtergreifung“ kommerzieller Medien, als die die sozialen Medien und Netze verstanden werden können: Sie tragen noch drastischer zum „Niedergang der Zivilgesellschaft“ bei, in dem das „Volk wieder zur Masse […], der Chor zur Kakophonie“ geworden ist. (alle 58) Gleichzeitig ist in den Medien „die nationale Politik eine Daily Soap geworden, ein Hörspiel mit kostenlosen Schauspielern“ (59) – und, so möchte man hinzufügen, mit Donald Trump in den USA haben sie einen Entertainer des Realitiy TV und des Wrestlings zum großen Zampano dieser würdelosen Show gewählt.

„Wahlen sind der fossile Brennstoff der Politik“ (62)

Die historische Entwicklung des Wahlsystems beschreibt van Reybrouck von der Antike bis zur Gegenwart, wobei er punktuelle Umsetzungen von Losverfahren zur Ernennung von politischen Positionen nennt; er referiert beispielsweise Tocqueville als Kritiker des Wahlsystems, der demgegenüber die Vorteile etwa der amerikanischen Geschworenengerichte mit durch Losverfahren ernannten Laien als Jury hervorhebt: Tocqueville koppele ebenso wie Aristoteles „Freiheit an das gelegentliche Übernehmen von Verantwortung [als etwas], das erlernt werden muss. (103)

Diese Form, dem Bürger zeitlich begrenzt Verantwortung zu erteilen, indem ihm Teilhabe am politischen Prozess gewährt wird, bekämpfe die „Selbstsucht des einzelnen“, weil er sich mit anderen, als nur den eigenen Angelegenheiten befassen muss. (vgl. 103)

Konzepte für Losverfahren als Alternative zur repräsentativen Demokratie per Wahlen wurden bereits verschiedentlich vorgeschlagen, van Reybrouck referiert die interessantesten Aspekte daraus. Er bezieht sich beispielsweise auf James S. Fishkin, der den Vorschlag formulierte, Bürger für einen gewissen Zeitraum zusammenzubringen, um sich gemeinsam mit Politikern aller Parteien über Zukunftspläne beraten zu können. Die Teilnehmer dazu würden per Losverfahren ausgewählt und mit genügend Vergütung ausgestattet werden, um „maximale Diversität zu garantieren“. Politische Gleichheit entstehe dann dadurch, „dass mit einer Zufallsstichprobe gearbeitet wird. Theoretisch hat jeder Bürger dann dieselbe Chance, als Teilnehmer gewählt zu werden.“ (114f.)

Auf diese Weise entstünde eine Meinungsumfrage, die Fishkin zufolge zeige, „was die Leute denken würden, wenn sie eine Gelegenheit bekämen nachzudenken.“ (115) Derartige Formen der unmittelbaren Bürgerbeteiligung am politischen Prozess bezeichnet van Reybrouck als deliberative Demokratie.

Am Beispiel verschiedener entsprechender, zum Teil lokaler Initiativen in verschiedenen Ländern zeigt van Reybrouck, wie Losverfahren so gestaltet werden können, dass die realen Chancen auf Beteiligung auf alle Bürger gelichmäßig verteilt werden, und wie dafür gesorgt werden könnte, dass die per Los gewählten Bürger ihre Aufgabe im politischen Entscheidungsprozess finanziell und in ihrer Lebensplanung ohne Einbußen wahrnehmen können. Darüber hinaus müsste – im Gegensatz etwa zu Bürgerreferenden – sichergestellt werden, dass die per Los zusammengestellten Bürger in einem deliberativen Projekt ausreichend Zeit und fachmännische Expertise angeboten würde, um sich mit dem jeweils anstehenden Thema gründlich befassen zu können.

Die völlige Entkoppelung solcher Initiativen von politischen Parteien hätte den Vorteil, von deren Machtinteressen völlig emanzipiert zu sein. Und ebenso von der Presse, die es, wie van Reybrouck feststellt, wie die Politik „gewohnt sind, als Türhüter der öffentlichen Meinung zu dienen, und dieses Vorrecht nur ungern aus der Hand geben“. (129) Ihre Laiengremien gegenüber tendenziell verächtliche Haltung speise sich aus verschiedenen Quellen, der Furcht davor, aus Laiengremien nur schwer Einfluss nehmen zu können oder auch dem Verlust, Demokratie als „Theater“ inszenieren und vermarkten zu können (vgl. 129 f.)

Die Vordenker einer solchen deliberativen Demokratie sind inzwischen zahlreich: „Die Autoren waren durchweg der Meinung, dass ein willkürlich zusammengesetztes Parlament die Demokratie legitimer und effizienter machen könne. Legitimer, da es das Ideal der gleichen Verteilung politischer Chancen wiederherstelle. Effizienter, weil die neue, ausgeloste Volksvertretung sich nicht in parteipolitischem Gezerre, Wahlspielchen, Medienschlachten und legislativem Gefeilsche verlieren würde. Sie können sich ausschließlich dem Gemeinwohl widmen.“ 137)
Mit der parteipolitischen Macht verliert ein deliberatives System notwendigerweise seine Korruptionsanfälligkeit.

Konkret berichtet van Reybrouck nun von Vorschlägen, das bestehende elektorale System nicht durch eine Loskammer o.ä. zu ersetzen, sondern um eine solche zu bereichern. (vgl. 142) Daher sein Vorschlag, ein birepräsentatives System zu denken.
Er bezieht sich auf Hubertus Buchstein, der beispielsweise vorschlägt, dem Europäischen Parlament eine zweite Kammer hinzuzufügen, „diesmal mit ausgelosten Bürgern. Er nennt es das House of Lots.“ (142)

In diesem Beispiel wird als angemessene Größe für eine solche neue Kammer zweihundert Teilnehmer vorgeschlagen, die „unter der gesamten erwachsenen Bevölkerung der Europäischen Union ausgelost werden, proportional verteilt über die Mitgliedsstaaten, jeweils für die Dauer von zwei Jahren.“ (142) Das Beispiel verdeutlicht, dass das Modell eines birepräsentativen Systems durchaus auch für große Gebilde umsetzbar erscheint.

Van Reybrouck widmet ein folgendes ausführliches Kapitel dem Entwurf einer Blaupause für ein solches birepräsentatives System, also eine auf dem Losverfahren basierende Demokratie. (144 ff.) Hier werden die Details erläutert, was Größe, die genaue Zusammensetzung, Befugnisse und Aufgabenbereiche, Dauer und Finanzierung angeht. Für einen solchen Rat aus gelosten Laien entwirft er ein Agenda Council mit sechs verschiedenen Panels, deren Aufgaben sich unterteilen in Vorschläge zu themengebundener Gesetzgebung, Gesetzesvorschläge anhand des Inputs von Interest Panels und Experten, Policy Jury, Rules Council sowie Oversight Council. (146f.) Die solcherart verteilten Aufgaben gewährleisten die Versöhnung unterschiedlicher Interessen. (vgl. 148) Durch die Weitergabe eines Themas an das jeweils nächste Panel werden die Befugnisse aller Panels beschränkt. Auf diese Weise kann Machtkonzentration in einem Einzel-Panel vermieden werden.

Auf all die Details möchte ich hier nicht näher eingehen, und sie dem geneigten Leser zur Lektüre empfehlen: van Reybrouck arbeitet seine Blaupause detailliert aus und stellt sie in Diagrammen dar – mir geht es hier in erster Linie um die grundsätzliche Idee des Losverfahrens gegenüber der Wahl als einer denkbaren, besseren Form von Demokratie.

Und van Reybrouck hebt hierbei hervor, dass hinter all der heute erlebbaren Frustration und Politikverdrossenheit der Bürger noch ein positiver Aspekt steht, nämlich „Anteilnahme“, was immerhin besser ist als Gleichgültigkeit (vgl. 155). Es gälte daher, Empowerment zu unterstützen: „Behandelt man den mündigen Bürger wie Stimmvieh, so wird er sich wie Stimmvieh verhalten, behandelt man ihn aber wie einen Erwachsenen, so wird er sich wie ein Erwachsener verhalten.“ (156)

Der Titel Gegen Wahlen hat mich im ersten Moment ziemlich vor den Kopf gestoßen, aber je weiter ich van Reybroucks Argumenten für diese Idee, das Losverfahren als Alternative für eine bessere Demokratie folgte, desto mehr eingenommen wurde ich davon. Inzwischen bin ich davon regelrecht begeistert.

Die Vorteile, die eine Kombination aus gewählter und ausgeloster Repräsentation bietet, lassen sich mit van Reybrouck noch einmal zusammenfassen:

Mich haben an dieser Idee zwei Aspekte besonders interessiert, und zwar die Frage nach  der Kompetenz und der Motivation ausgeloster Bürger.

Die Frage impliziert die nach dem Zutrauen, das man in die Mitbürger aufbringen muss: Sie lässt sich mit Blick auf die historische Debatte um das Frauenwahlrecht recht einfach beantworten. Die Frage nach Kompetenz im Konkreten, lässt sich mit dem Hinweis auf Experten beantworten, die ausgelosten Laien-Panels beigestellt wer sollen. Im Übrigen reicht der Hinweis darauf, dass auch in unserem derzeitigen System die gewählten Politiker sich jeweils auf einen Stab an Experten stützen – anders wäre kaum zu erklären, warum Berufspolitiker von einem Tag auf den anderen das Ressort wechseln können. (vgl. 158 f.)

Von allen anderen Zwängen des Berufspolitikers entbunden können sich ausgeloste Bürger voll und ganz ihren jeweiligen Sachthemen widmen. In den vielen Beispielen, in denen vergleichbare Modelle bereits ausprobiert wurden (van Reybrouck referiert sie in dem Kapitel „Demokratische Erneuerung in der Praxis“), zeigte sich, dass die Bürger durchweg dazu bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn man sie ihnen anvertraut. Mehr noch: Einbeziehung und Mitwirkung sind der stärkste Motor, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Das ist eigentlich evident.

Unmittelbar damit verbunden ist die Überlegung, inwiefern ein birepräsentatives System von ideologischen Fragen weg und zu Sachfragen hinführen könnte.

Audrey Tang

Beim Nachdenken über diese Frage, stieß ich auf Audrey Tang, der es als Digitalministerin in Taiwan gelang, im politischen Prozess bei gesellschaftlich kontrovers geführten Debatten oder bei Frustration der Bürger mithilfe von Spieltheorie und im Design Thinking neue Lösungsansätze zu bieten. In Taiwan können die Bürger durch Fragebögen zu aktuell diskutierten Themen ihre Meinungen einbringen, die dann durch eine von Tang entwickelte Umfragesoftware pol.is ausgewertet werden:

“As a civic technology, Polis allows people to share their opinions and ideas, and its algorithm is intended to elevate ideas that can facilitate better decision-making, especially when there are lots of participants” heißt es hierzu in der englischsprachigen Wikipedia.

Ähnlich wie bei den Ideen zum Losverfahren geht es hier um die Möglichkeit, die Bürger unmittelbar in den politischen Prozess mit einzubinden. Tang sagt in einem Interview mit t3n: „Die Grundvoraussetzung ist, dass man sich als Teil desselben Raums, derselben Gemeinschaft fühlt.“3

Der Witz an ihrer Idee ist, dass der politische Entscheidungsprozess sozusagen auf den Kopf gestellt wird: Indem die Software durch Auswertung der Umfragen eine sehr detaillierte Sicht der Anliegen und Sichtweisen der Bürger liefert, kann daraufhin in der Politik entsprechend reagiert werden.

Damit wird auch in diesem Modell das Prinzip herkömmlicher repräsentativer Demokratie und der Wahlen umgedreht. Nicht der Bürger muss entweder die eine (links) oder die andere (rechts) politische Ideologie als Gesamtpaket wählen, und dann hoffen, dass seine einzelnen Sachthemen von der von ihm gewählten Partei vertreten werden, sondern andersherum: einzelne Themen von Interesse werden behandelt – unabhängig von ideologischen Prämissen – und dann der politischen Umsetzung zugeführt.

Dieser Punkt konkretisiert die von van Reybrouck formulierte Umorientierung ausgeloster Bürger hin zu Sachfragen in der Politik, frei von Zwängen, denen Berufspolitiker unterliegen, wie weiter oben erläutert (Ideologie, Wiederwahl).

Zugleich hilft die Software dabei, die tatsächlichen Bedürfnisse der Bürger zu eruieren, anstatt, dass Parteien sich darum bemühen, die Bürger von ihren Ideen über diese Bedürfnisse zu überzeugen. Es profitieren also letztendlich beide Seiten: die Bürger und die Politik.

Dies trifft einen Punkt, den auch van Reybrouck diskutiert, nämlich das Manko, dass sich der Wählerwille in der repräsentativen Demokratie allein in dem Ritual des Urnengangs ausdrücken kann: Tang bestärkt diesen Eindruck durch einen Vergleich mit einem Bild aus der Informatik, wo es prinzipiell nur die Wahl zwischen Eins und Null gibt. In allen politischen Fragen, die meist höchst komplex sind und sich aus vielen verschiedenen Einzel-Problemen zusammensetzen, habe der Wähler nur eben die Wahl zischen „Eins“ und „Null“. Seine Umfragesoftware hilft dabei, dieses Manko zu beseitigen. Denn auch hier verläuft der Prozess politischer Entscheidungen andersherum, ausgehend von den vielen verschiedenen Einzel-Problemen, die artikuliert und ausgewertet werden können, um daraufhin erst zu Entscheidungen zu gelangen.

Anstatt sich also von vornherein gewissermaßen auf Null oder Eins, links oder rechts festlegen zu müssen, ermöglicht die Umfragesoftware die Konzentration auf einzelne Sachfragen – ein Modell das meines Erachtens sehr dem von van Reybrouck vorgeschlagenen Panel-System gleicht. Im Sinne von Design Thinking, also nutzerorientierter, iterativer Problemlösungsfindung würde der politische Prozess also gewissermaßen komplett umgekehrt werden und von den tatsächlich bestehenden Problemen her Lösungen entwickeln, anstatt Parteiprogramme zu entwerfen, denen dann nur noch pauschal zugestimmt werden kann, oder eben nicht.

Ein Nebeneffekt wäre dabei, der unaufhörlichen Polarisierung von Gesellschaften entgegenzuwirken. Fließen in politische Entscheidungsprozesse alle in der Gesellschaft vertretenen Auffassungen ein, so kristallisiert sich durch deren Evaluierung ein gemeinsamer Nenner heraus – dieser gemeinsame Nenner ist der Kern der jeweils umstrittenen Angelegenheit, von der sich Kompromisse erarbeiten lassen, in denen sich alle wiederfinden können. Das funktioniert, weil diese Kernthemen eben Sachthemen und keine ideologischen Themen sind.

Audrey Tangs Modell bestätigt gleichzeitig die Annahme von van Reybrouck, dass die faire Chance auf Mitbestimmung qua Losverfahren Bürger ausreichend dazu motiviert, politische Verantwortung zu übernehmen. Der Schlüssel dazu ist wiederum Einbeziehung: Auch Tang kann an Beispielen belegen, dass sich, sobald dazu aufgerufen, viele Bürger dazu bereit erklären, in Bürgerversammlungen und gemeinsamen brainstormings Lösungsvorschläge zu Problemen zu erarbeiten. Die Regierung in Taiwan setzt dann die Ergebnisse aus solchen Umfragen und Bürgerinitiativen in konkrete politische Entscheidungen, Gesetze oder Gesetzesänderungen um.

Wenn es vorstellbar wäre, beide Modelle, das von van Reybrouck und das von Tang, in einem birepräsentativen System zu kombinieren, dann müsste man, denke ich, die Kräfte so verteilen, dass die ausgelosten Panels die von der Bevölkerung eruierten Themen bündeln, evaluieren und in Form konkreter Entscheidungen nurmehr zu deren Umsetzung an den gewählten Teil des Systems delegieren.

Und was könnte Peirce dazu sagen?

Diese Ideen zu einer neuen Form von Demokratie sind für mich auch aus einem semiotischen Blickwinkel interessant. Van Reybroucks Idee des Losverfahrens als einem Instrument, Demokratie in die Hand der Bürger zu legen und Tangs in Taiwan realisierte Bürgerbeteiligung am politischen Geschehen zielen beide darauf, politische Sachfragen wieder in den Vordergrund zu stellen (vor Ideologie, Wahlkampf, politisches Kalkül und Machtstreben, Lobbyismus etc.).

Wichtig wird unter beiden Konzepten, dass wir (Bürger) und in politischen Fragen wieder vor Augenführen können, dass wir, auch wenn unsere jeweiligen Perspektiven enorm divers und sogar antagonistisch sein mögen, doch jeweils um Etwas streiten, über das man sich einigen könnte. Es ist das, was Tang betont, diesen gemeinsamen Nenner finden zu können. Bei Peirce heißt es:

„Das Empfinden, das den Anstoß für jede Methode des Festigens der Überzeugung gibt, ist eine Unzufriedenheit mit zwei unverträglichen Sätzen. Doch hier gibt man schon in etwa zu, daß es irgendein Etwas gibt, mit dem ein Satz übereinstimmen sollte. Niemand kann also wirklich daran zweifeln, daß es Realitäten gibt, oder wenn er zweifelte, wäre Zweifel keine Quelle der Unzufriedenheit.“4

Peirce empfiehlt also schon allein bei der Frage, wie wir unsere Überzeugungen festigen sollten, also bei der Frage nach Wahrheit im Sinne eines unbestreitbaren Konsens‘ allen verfügbaren Wissens um dieses Etwas, um das jeweils gestritten wird.5 Es ist dieses Etwas, dass außerhalb unseres Willens liegt, auf das wir keinen Einfluss haben, weil es so ist, wie es ist. Das ist das Faktische bei Peirce. Er beschreibt es als das „aus irgendeiner äußeren Permanenz – aus etwas, worauf unser Denken keine Wirkung hat“ (54).

Egal, welches Objekt unserer Betrachtung wir thematisieren, wie thematisieren es immer unter einem bestimmten Blickwinkel – ohne irgendeine Hinsicht ist unser Objekt gar nicht zu haben. Es gilt daher, sich dessen bewusst zu sein, dass in die Betrachtung unseres Objekts immer die Art und Weise der Betrachtung, also die Art der Perspektivierung des Objekts, oder sein Framing in das Objekt mit einfließt.

Populisten versuchen zu vertuschen, dass die Perspektivierung eine Perspektivierung ist, sie versuchen stattdessen das perspektivisch (in ihrem Sinne) verzerrte Objekt, als das Objekt an sich, so wie es objektiv an sich sei, zu verkaufen.

Mit Tangs Methode hingegen würde aus einer tatsächlich repräsentativen Stichprobe aller Meinungen über einen Gegenstand (also der Perspektivierungen eines Objekts) innerhalb der Bevölkerung dieser gemeinsame Nenner, das Etwas, um das gestritten wird, herausgelöst. Und erst aus diesem gemeinsamen Nenner heraus können Kompromisse gefunden werden. Diese Methode hat daher einen brückenbauenden und insofern gleichermaßen gemeinschaftsbildenden Effekt, wie Tang selbst hervorhebt.

Dieser Gedanke, der in den von van Reybroucks entworfenen Panels aus ausgelosten Teilnehmern impliziert ist, wird bei Tang also detailliert hervorgehoben.

Fazit

Van Reybroucks Vorschlag eines Losverfahrens anstatt Wahlen, bereichert durch die Ideen von Audrey Tang, haben das Potential einer Revolution in der Gestaltung von Demokratie. Sie würden eine komplette Änderung unserer demokratischen Kultur bedeuten. Sie werden auf Widerstand stoßen, bei denen, die sich in den bestehenden Machtverhältnissen eingerichtet haben, vor allem Politik und Presse. Beide Verfechter dieser innovativen Ideen finden jedoch zum Glück viel Beachtung – es ist zu hoffen, dass ihre Ideen noch breitere Aufmerksamkeit erhalten, denn es steht viel auf dem Spiel, gerade in diesen Zeiten, in denen das Gefüge der politischen Welt ins Wanken geraten ist, und in denen Populisten nach der Macht greifen. In der Verzweiflung über die weltpolitischen Entwicklungen der Gegenwart, gibt es einen Funken des Muts und der Hoffnung, dass der Niedergang freiheitlicher Demokratien nicht zwangsläufig die Zukunft ist, sondern dass es Lösungen gibt, wenn sie nur auf offene Ohren stoßen. Der Rahmen, der unsere Vorstellung unserer westlichen Demokratien einfasst, ist selbst brüchig geworden, weshalb es an der Zeit ist, die sich verändernden Rahmenbedingungen grundlegend neu zu gestalten, und sie nicht den Gramsci‘schen Monstern zu überlassen.


Nebenbei:
In der Diskussion darum, wie repräsentativ die repräsentative Demokratie ist, kommt van Reybrouck natürlich auch auf Populismus zu sprechen und auf den Irrtum oder vielmehr die irreführende Behauptung von Populisten, „das Volk“ zu vertreten, die „Stimme des Volks“ zu sein: „Dass diese Geschichte von hinten bis vorne nicht stimmt, ist hinlänglich bekannt. Es gibt nicht ein monolithisches „Volk“ […], es gibt nicht so etwas wie „Volksempfinden“. (28) Und in diesem Zusammenhang spricht er den common sense an, den ich kritisch bereits in meinem Beitrag Common Sense vom 20. Juli 2005 erläutert habe. Aus semiotischer Perspektive erkläre ich dort den common sense als per se unbegründet und unbegründbar und als reine Ideologie, das heißt als puren Glauben. Ganz ähnlich hier van Reybrouck: „Common sense ist Ideologie, die sich weigert, ihre eigene Ideologie zu sehen, ein Zoo, der aufrichtig glaubt, unberührte Natur zu sein. Dass jemand organisch mit der Masse verschmolzen sein kann, durchdrungen von ihren Werten und mit einem untrüglichen Bewusstsein für ihre veränderlichen Sehnsüchte, tendiert denn auch eher zur Mystik als zu Politik. Es gibt keine Grundströmung, nur Marketing.
Populisten sind Entrepreneure, die versuchen, einen größtmöglichen Marktanteil zu erzielen, notfalls mit etwas romantischem Kitsch.“ (28)
Insofern ist Populismus aus van Reybroucks Sicht daher keine Möglichkeit, die Krise der Demokratie zu überwinden: „Bestenfalls ist er ein Versuch, die Krise der Demokratie durch eine größere Legitimität der Repräsentation zu überwinden.“ (29)


  1. Wikipedia: Liste der Träger des Right Livelihood Award ↩︎
  2. Alle Zitate im Folgenden: David van Reybrouck: Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Wallstein, Göttingen: 2016. Hier S. 46. ↩︎
  3. Die folgenden Zitate beziehe ich aus: t3n: Von der Hackerin zur Digitalministerin: So löst Audrey Tang Systemfehler der Politik, Von Jan Vollmer,16.03.2020; https://t3n.de/magazin/von-der-hackerin-zur-so-loest-der-248958/ ) ↩︎
  4. Hier und die Folgenden: Peirce, Charles S.: Die festigung der Überzeugung. Ullstein, Frankfurt a.M.: 1985. Hier S. 54. ↩︎
  5. Ich beschreibe das genauer in meinem Beitrag Fixation of Belief vom 21.Juni 2025 ↩︎


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