Schon seit längerer Zeit möchte ich mich mit Hannah Arendts Essays über Wahrheit und Lüge in der Politik1 beschäftigen, weil sie mir als eine hervorragende Erläuterung dazu erscheinen, was Peirce in seiner Einteilung der vier Methoden zur Festigung der Überzeugung die apriorische Methode, im Unterschied zur wissenschaftlichen Methode genannt hat. (Siehe hierzu meine Blog-Beiträge Fixation of Belief vom 21. Juni 2025 und Common Sense vom 20. Juli 2025.)2
Nun muss man, wenn man heute über die Lüge in der Politik nachdenken will, erst mal den Kopf freiräumen von den täglichen Lawinen an Lügen und bullshit des Trumpismus (und auch des Putinismus und hierzulande der AfD und des gesamten rechtspopulistischen Geschreis). Das System Trump steht, was die Lüge betrifft, zur Zeit wohl an einsamer Spitze. Selten hat sie sich so schamlos offen und überall gezeigt, und in dieser Omnipräsenz so bizarr und grotesk. So lachhaft wie gleichzeitig erschreckend.3
Es ist daher gar keine so leichte Übung, einmal zu rekapitulieren, was es mit der Lüge in der Politik auf sich hat. Denn hier ist sie nun mal zu Hause. Unter anderem aus diesem Grund finde ich Hannah Arendts Essay wirklich sehr instruktiv, denn sie analysiert das Feld der Politik sozusagen als das natürliche Habitat der Lüge, insofern die Lüge alle Arten von Unwahrheiten mit meint, die als auf die Zukunft hin ausgerichtete Vorstellungen einfach noch nicht faktisch sind. Schließlich ist es die Redekunst, die in der Politik gefragt ist, um Menschen von Ideen zu überzeugen – und Ideen sind nun einmal keine Fakten, sondern etwas vage Mögliches.
Ich habe daher beschlossen, zunächst Hannah Arendts Analyse der – ich nenne sie behelfsweise: konservativen – Lüge in der Politik zu rekonstruieren, um damit Peirce‘ Konzept der apriorischen Methode zur Festigung der Überzeugung zu erläutern. Ich werde also, hier um der Orientierung willen ganz salopp formuliert, Arendts „Wahrheit“ mit Peirce‘ wissenschaftlicher und Arendts „Lüge“ mit Peirce‘ apriorischer Methode abgleichen.
Vor diesem Hintergrund werde ich kontrastieren, was Trumpismus meines Erachtens bedeutet.
Die Lüge als Werkzeug der Politik
Im Politischen befinden wir uns auf dem Feld der Überzeugungen, der Entscheidungen und der Tat. In der Politik geht darum, die Zukunft zu gestalten und Menschen dafür zu überzeugen. Diese nach vorn, in die Zukunft gerichtete Sphäre des Politischen, die auf Umsetzung und Verwirklichung zielt, ist schlicht deshalb weniger der Wahrheit, und umso mehr häufig der Lüge verpflichtet, als die Zukunft generell ein noch nicht verwirklichter Raum ist, der sich insofern der Wahrheit oder dem Faktischen entzieht, als das Zukünftige per se nicht der Wahrheit unterworfen ist, nicht dem Reich des Faktischen sondern dem Reich des Möglichen angehört. Im Gegensatz zum Faktischen umfasst das Mögliche per definitionem nicht nur das Utopische, sondern eben auch Illusion und Lüge.
Alles das: Überzeugungen, Entscheidungen und konkrete Tat, all das sind Konzepte, die Peirce bei der Analyse seines Standpunkts als Wissenschaftler und hinsichtlich der Ziele aller wissenschaftlicher Forschung kritisch beurteilt. Auf dem Feld des Politischen müssen wir uns daher mit dem auseinandersetzten, was Peirce die apriorische Methode zur Festigung der Überzeugung genannt hat, und die er der von ihm als Wissenschaftler vertretenen, wissenschaftlichen Methode scharf abgrenzt. (Siehe mein Beitrag zur Kontroverse zwischen Peirce und James brute force vom 18. April 2025: Überzeugungen seien wohl eher das Ding für Gläubige, der Wissenschaftler hingegen hängt nicht an ihnen.)
In ihren beiden Essays zu „Wahrheit und Lüge in der Politik“ aus dem Jahr 1967 geht Hannah Arendt der Frage nach, was es für das Wesen und die Würde des politischen Bereichs, aber auch für Wahrheit selbst bedeute, dass das Lügen zum Handwerk der Politik zählt (vgl. S. 327), insofern als es Gegenstand der Politik sei, die Welt und die Zukunft handelnd zu gestalten und zu verändern.
Die Lüge ist in der Politik also das vom Zweck geheiligte Mittel. Was ist damit gemeint? Hier holt Arendt weit aus und ich werde versuchen, das kurz zusammenzufassen. Der Essay enthält viele wirklich sehr lesens- und bedenkenswerte Ideen, von denen ich hier nur diejenigen herauspicken kann, die für unseren Vergleich mit Peirce von Interesse sind.
Sie beginnt mit der Wahrheit, der wir ja üblicherweise einen hohen Wert beimessen. Und sie macht sogleich implizit darauf aufmerksam, dass das ein bisschen geheuchelt ist oder wir uns zumindest ein bisschen selbst betrügen, wenn wir unsere Wahrheitsliebe hervorheben, indem sie an Platons Höhlengleichnis erinnert:
Platons Höhlenbewohner und die Wahrheit
Da sitzen die Menschen in einer Höhle, sie kennen kein Draußen, hinter ihnen brennt ein Feuer, das ihre Schatten vor ihnen auf die Höhlenwand wirft. Diese Schatten an der Wand sind das, was ihre gesamte Erfahrung ausmacht, sie sind die einzige Wirklichkeit, die die Höhlenbewohner sehen können. Aber einer von ihnen kann plötzlich rausgehen, die Höhle verlassen und er sieht draußen eine ganz andere, viel größere, buntere und vielfältigere Welt. Als er in die Höhle zurückkehrt und den anderen von seiner Erfahrung berichtet, denken die, er habe sich draußen die Augen verdorben, und bei dem Versuch, sie aus ihrer Höhle zu befreien, würden sie ihren Befreier eher umbringen, als ihre Höhle zu verlassen.
Das greift Hannah Arendt auf, um das Dilemma all jener zu beschreiben, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, also vor allem die Philosophen. Sie schreibt:
„Seit eh und je haben die Wahrheitssucher und die Wahrheitssager um das Risiko ihrer Unternehmung gewußt: Solange sie sich abseits der Welt halten, sind sie nur dem Lachen der Mitbürger preisgegeben […]; sollte aber einer versuchen, seine Mitbürger aus den Fesseln des Irrtums und der Illusion zu lösen, so würden sie, »wenn sie seiner habhaft werden und ihn töten könnten, auch wirklich töten« – wie Plato im letzten Satz des Höhlengleichnisses sagt.“ (329)
Platons Höhlenbewohner hatten objektiv keinen Grund (keine Feinde odgl.), der Wahrheit feindselig gegenüberzustehen. Hätte Platon Hobbes gelesen, meint Arendt, so hätte er dessen Aussage zugestimmt, „daß »Menschen Wahrheit nur willkommen heißen, wenn sie niemandes Vorteil oder Gefallen (pleasure) beeinträchtigt«“ (329), als Beispiel nennt er mathematische Gleichungen oder die Definition eines Dreiecks. Andernfalls, so Hobbes nach Arendt, hätte man die entsprechenden Lehrbücher der Geometrie verbrannt oder verboten.
Hier denken wir natürlich sofort an die primitivste Form der Festigung der Überzeugung, wie Peirce sie formuliert hat, die Methode des Beharrens: Allein die Gewohnheit der Höhlenbewohner, ihre Schatten als die ganze Wahrheit zu betrachten, hält sie eisern davon ab, ihre Überzeugung aufzugeben. Die Methode ist denkbar schlecht begründet, sie muss uns hier nicht weiter interessieren, sie soll uns nur daran erinnern, dass wir Überzeugungen nur ungern ablegen, wenn wir sie erst einmal haben, und dass wir gerne bereit sind, die Wahrheit unseren Überzeugungen zu opfern.
Wahrheit ist, Arendt zufolge, die Angelegenheit der von der Welt abgeschnittenen Philosophen und, möchte ich hinzufügen, der Wissenschaftler, wie Peirce, der sich, wie ich in dem Beitrag brute force vom 18. April 2025 beschrieben habe, dezidiert von den „Männern der Tat“ abgrenzt. Sie sind der Wahrheit verpflichtet, auch wenn diese nicht sehr schmeichelhaft ist und uns (Höhlenbewohnern) gar nicht gefällt oder unserem Willen und unseren Zielen zuwiderläuft.
Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten
Denn die täglichen Angelegenheiten, um die Menschen sich in der Gemeinschaft zu kümmern haben, vertragen sich nicht allzu gut mit der Suche nach Wahrheit. Inwiefern Wahrheit im gesellschaftlichen Alltag gefährdet ist, erklärt Arendt anhand der ursprünglich von Leibniz eingeführten Unterscheidung zwischen Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten.
Vernunftwahrheiten sind solche wie die oben erwähnten mathematischen Gleichungen, dass also 2 + 2 = 4 ist, oder dass ein Dreieck durch drei Punkte definiert wird, die nicht auf einer Geraden liegen. Vernunftwahrheiten sind notwendige Wahrheiten. Hier können sich die Philosophen ungestört austoben – gerade weil Vernunftwahrheiten in aller Regel für unsere konkreten Alltagsangelegenheiten und unsere gesellschaftlichen Vorstellungen und Ziele wenig Relevanz haben.
Anders sieht es mit den Tatsachenwahrheiten aus, sie haben keinen notwendigen, sondern einen empirischen Charakter. Sie müssen mit der Realität abgeglichen werden und abgleichbar sein. Zu ihnen zählen beispielsweise alle geschichtlich dokumentierten und bezeugten Ereignisse, die sich so zugetragen haben, wie sie das nun einmal taten. Dass Deutschland den WK II angezettelt und verloren hat beispielsweise, gilt als Tatsachenwahrheit.
Aber gleichwohl wird hier schon erkennbar, dass Tatsachenwahrheiten wesentlich unsicherer sind als Vernunftwahrheiten. Sie können angefochten oder geleugnet werden. Dass die Apollo 11 im Jahr 1969 auf dem Mond gelandet ist, ist ebenfalls eine Tatsachenwahrheit – obwohl sie bizarrerweise von einigen angefochten wird. Und hier wird es politisch, wie Arendt sagt: „Und da ja Tatsachen und Ereignisse, die unweigerlichen Ergebnisse menschlichen Zusammenlebens und -handelns, die eigentliche Beschaffenheit des Politischen ausmachen, müssen wir in diesem Zusammenhang an Tatsachenwahrheiten primär interessiert sein.“ (331)
((Wir leben heute in einer anderen Welt als Hannah Arendt. Sie schreibt, was heute im Grunde noch Gültigkeit besitzen sollte: „Wenn politische Macht sich an Vernunftwahrheiten vergreift, so übertritt sie gleichsam das ihr zugehörige Gebiet, während jeder Angriff auf Tatsachenwahrheiten innerhalb des politischen Bereichs selbst stattfindet. Was Hobbes‘ Verbrennung mathematischer Lehrbücher schwerlich erreichen könnte, ist durch eine Verbrennung der Geschichtsbücher durchaus erreichbar; um die Chancen der Tatsachenwahrheit, dem Angriff politischer Macht zu widerstehen, ist es offenbar sehr schlecht bestellt.“ (331)
Aber Trump vergreift sich durchaus an Vernunftwahrheiten, etwa, wenn er im August 2025 verspricht, dass die von ihm im Mai per Dekret eingeführte Meistbegünstigungspolitik die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente um 1.000 Prozent oder mehr senken werde. (siehe https://edition.cnn.com/2025/09/23/politics/fact-check-drug-prices-trump , 23.09.2025)
Immerhin: Dass diese Ankündigung in den sozialen Medien ziemlich viel Spott erntete, was das „Trump’sche Mathematik-Universum“ anbelangt, zeigt tröstlicherweise, dass Arendts Analyse noch zutrifft. Aber mehr zu Trump später.))
Tatsachenwahrheiten stehen „[…] immer in Gefahr, nicht nur auf Zeit, sondern möglicherweise für immer aus der Welt zu verschwinden. Fakten und Ereignisse sind unendlich viel gefährdeter als was immer der menschliche Geist entdecken oder erinnern kann […].“ (331)
Wir sehen das beispielsweise in China, wo alles aus der Geschichtsschreibung getilgt wird, was nicht in die Erzählung der Kommunistischen Partei passt.
Die Tatsachenwahrheit, dass Biden die Präsidentschaftswahl 2020 in den USA gewann, wird von Trump und seinem Maga-Gefolge abgestritten. Was mit mathematischen Lehrsätzen kaum gelingen kann, gelingt beispielsweise mit Geschichte hervorragend. Und so sehen wir, wie Trump und seine Vasallen Universitäten und Medien angreifen, Museen und Lehrpläne, alles, um die dokumentierten, archivierten und tradierten Tatsachenwahrheiten über Ereignisse und menschliches Tun durch entsprechende Vernichtung, Verhinderung oder Manipulation an seine Weltsicht anzupassen.
Meinung und Lüge
Arendt führt nun eine weitere Unterscheidung ein, die für unseren semiotischen Blickwinkel interessant ist. Sie schreibt, „In den Wissenschaften ist das Gegenteil der Wahrheit der Irrtum oder die Unwissenheit, in der Philosophie die Illusion oder die bloße Meinung.“ (332) Diese Unterscheidung kommt in der Politik zum Tragen, denn hier geht es nicht um mögliche Irrtümer, sondern es kommt zu einer Degradierung der Tatsachenwahrheiten (Mondlandung 1969) zur bloßen Meinung. Die man dann entweder teilen kann oder eben auch nicht.
Die Ferne zu einem philosophischen Konzept von Wahrheit zeigt sich darin, dass Meinungen etwas ist, das Menschen in ihrer Pluralität, in ihrer alltagsweltlichen Vielfalt betrifft und nicht den Menschen an sich. So kam es zu er Entwicklung, dass in der heutigen Politik die Transformierung der Wahrheit in Meinung zur Folge hat, „[…]daß wir es nicht mehr mit dem Menschen überhaupt zu tun haben, sondern mit den Menschen in ihrer unendlichen Pluralität, und damit wechseln wir [in einen Bereich], in welchem die Überzeugungskraft durchaus »von der Zahl derer bestimmt ist, von denen man annimmt, daß sie die gleichen Meinungen hegen« wie man selbst, […].“ (335)
Hier befinden wir uns nun mittendrin, in dem Bereich, den Peirce die apriorische Methode nennt. Bei dieser Methode geht es, ihm zufolge, nicht um Wahrheit – das ist der wissenschaftlichen Methode vorbehalten – sondern um Zeitgeist und Moden, um populistische Ansichten, die eben dem entgegenkommen, was weiter oben über Platons Höhlenbewohner gesagt wurde: es überzeugt, was gefällt. Und so wird dann populistische Politik betrieben, indem man den Menschen sagt, was sie hören wollen (und nicht, was faktisch ist).
Tatsachenwahrheiten, wie etwa, dass Deutschland im August 1914 in Belgien einfiel, so Arendt, sind „an sich nicht politisch“; „aber die gegenteilige Aussage (Belgien fiel in Deutschland ein), […] ist von vornherein politisch und kann anders gar nicht verstanden werden. Sie stellt den Versuch dar, die Vergangenheit zu ändern, und alle Aussagen, die auf Veränderung des Bestehenden abzielen, sind Formen des Handelns.“ (352)
Von hier aus fällt deshalb der Schritt nicht schwer, Meinung als das Mittel der Wahl in der Politik zu erkennen. „Die eigentlich politische Schärfe des Konflikts liegt in dieser Entwertung der Meinung, insofern nicht Wahrheit, wohl aber Meinung zu den unerläßlichen Voraussetzungen aller politischen Macht gehört.“ (333) Und auch hier erkennen wir sofort den aus politischer Perspektive enormen Vorteil von purer Meinung gegenüber der Wahrheit:
„Unbequeme geschichtliche Tatbestände, wie daß die Hitlerherrschaft von einer Mehrheit des deutschen Volkes unterstützt oder daß Frankreich im Jahre 1940 von Deutschland entscheidend besiegt wurde oder auch die profaschistische Politik des Vatikans im letzten Krieg, werden behandelt, als seien sie keine Tatsachen, sondern Dinge, über die man dieser oder jener Meinung sein könne. Da solche Feststellungen Gegenstände von unmittelbarer politischer Relevanz betreffen, geht es hier um mehr als die vielleicht unvermeidliche Spannung zwischen zwei diametral entgegengesetzten Lebensweisen innerhalb des Rahmens einer gemeinsamen und gemeinsam erfahrenen Realität. Was hier auf dem Spiele steht, ist die faktische Wirklichkeit selbst, und dies ist in der Tat ein politisches Problem allererster Ordnung.“ (335 f.)
Hier nimmt Arendt vorweg, was heute unter dem Stichwort des Postfaktischen diskutiert wird. Nicht nur ist unsere Gesellschaft, sind die westlichen Gesellschaften heute überschwemmt von Meinung, anstelle der Suche nach Fakten, sondern zugleich gerät dadurch die „faktische Wirklichkeit“ insgesamt in Gefahr.
Damit können wir aus semiotischer Perspektive Peirce‘ apriorische Methode scharfstellen: Wenn Überzeugungen nicht auf Fakten gründen, sondern auf Meinungen, und wenn im Umkehrschluss Fakten selbst zu bloßen Meinungen degradiert werden, die man teilen könne oder eben auch nicht, dann beginnt tatsächlich der Boden der Tatsachen, auf dem wir sicher stehen wollen, zu schwimmen.
Ahrendt und Peirce haben beide ein Argument für die Fakten, auf das ich zurückkommen werde. Aber bleiben wir vorerst auf dem Schlachtfeld der Meinungen, denn hier betreten wir Trump-Land.
Trumpismus
Arendt schreibt: „Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“ (361)
Und um zu begreifen, was Trumpismus ist, müssen wir hier an Hannah Arendt anknüpfen. Denn dort, wo dieser Orientierungssinn abhandengekommen ist, der dabei helfen würde, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, dort öffnet sich das Betätigungsfeld für den Bullshitter. Und genau das ist Trump.4 In diesem Sinne ist Trump kein klassischer Lügner mehr, denn ihm mangelt es an der Fähigkeit zwischen Wahrheit zu unterscheiden und in der Folge, am Interesse an dieser Unterscheidung. Ganz im Gegenteil gelten ihm jene, die diese Unterscheidung noch zu treffen versuchen, insgesamt als das zu verabscheuende Establishment.
Und immer noch muss man das Politik nennen, denn auch die willkürliche Meinung gehört zu den Strategien, Ideen umzusetzen, und aus Taten Tatsachen folgen zu lassen: „Die Trennungslinie zwischen Tatsachen und Meinungen zu verwischen ist eine der Formen der Lüge, die wiederum insgesamt zu den Modi des Handelns gehören. Während das Lügen immer primär ein Handeln ist, ist das Wahrheitsagen, gleich ob es sich um Tatsachen- oder Vernunftwahrheiten handelt, dies gerade nicht.“ (352)
Im Trumpismus, dem diese Folie der Wahrheit vollkommen abhanden gekommen ist, in dem die Orientierung zwischen Wahrheit und Lüge fehlt, weil sie in der Logik des Trumpismus keine Rolle mehr spielt, verkommt Politik zum reinem Spektakel.
In der Maga-Bewegung geht es daher um die Erwartungshaltungen eines Publikums, das bedient werden soll. Und das Drehbuch zu diesem Spektakel liefern Trump seine Erfahrungen aus der Welt des Wrestlings oder seiner Reality-Show „The Apprentice“. Es geht um Inszenierung und Show und um Schock. Und ebenso wie in all seinen bilateralen Verhandlungen (oder Erpressungen) gibt es nach dieser Logik des Spektakels nur absolute Gewinner oder absolute Loser. Das ist es, was sein Publikum, die Maga-Enthusiasten, sehen wollen. Wir befinden uns also immer noch mitten in dem, was Peirce als apriorische Methode beschreibt.
Ganz dementsprechend wurde die Trauerveranstaltung für den Rechtsextremen Charlie Kirk gestaltet: In einem Sportstadion wurde dafür eine Bühnenshow mit Feuerwerk und Rauch geboten, und oben, dort wo Trump sprach, war für ihn ein Oktagon aus schutzsicherem Glas aufgebaut worden: vom optischen Eindruck her ganz wie die Kampfarenen für Mixed Martial Arts, die Trump so bewundert.
Man tut sich schwer, solch bodenloses Spektakel noch als Politik aufzufassen, denn an die Stelle von politischer Überzeugung und Rhetorik, um für Ideen zu begeistern oder Zukunft zu gestalten, ist die barbarische Zertrümmerung alles bisher mühsam Aufgebauten getreten. Zusammen mit der unglaubwürdigen messianischen Selbstüberhöhung, bedient es nurmehr eine sehr unwürdige Form von Schaulust.
Die Fakten
Wie können wir uns mit Arendt und mit Peirce hier positionieren? Arendt schreibt:
„Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.“ (369)
In dieser Aussage erkennen wir Peirce‘ Forderung wieder, zur Findung der Fakten möge man sich doch danach umsehen, was außerhalb unseres Willens liegt, was also durch diesen nicht beeinflussbar ist. Das ist das Faktische. An den Fakten scheitern wir mit unserem Willen und Wollen (also: mit der apriorischen Methode; mit Populismus). Es ist das Beharrliche und Widerständige.
Neulich meinte ein Wissenschaftler, mir fällt leider nicht mehr ein, wer es war, sinngemäß: Der Klimawandel, das ist Physik, das passiert da draußen – das ist keine Sache von Meinung.
Hier sehen wir auf dramatische Weise, wie sich das Faktische gegen unseren Willen durchsetzt.
Und damit ist es ein großes Problem in der Politik. Denn: „Die Schwierigkeit liegt darin, daß Tatsachenwahrheit wie alle Wahrheit einen Gültigkeitsanspruch stellt, der jede Debatte ausschließt, und die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen macht das eigentliche Wesen allen politischen Lebens aus.“ (342)
Menschen, die der apriorischen Methode folgen, werden früher oder später sozusagen auf Granit beißen:
„Denn das klarste Zeichen der Faktizität eines Faktums ist eben dies hartnäckige Da[-Sein], das letztlich unerklärbar und unabweisbar alle menschliche Wirklichkeit kennzeichnet. Die Propagandafiktionen zeichnen sich dagegen stets dadurch aus, daß in ihnen alle partikularen Daten einleuchtend geordnet sind, daß jedes Faktum voll erklärt ist, und dies gibt ihnen ihre zeitweise Überlegenheit; dafür fehlt ihnen die unabänderbare Stabilität alles dessen, was ist, weil es nun einmal so und nicht anders ist. Konsequentes Lügen ist im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos und stürzt Menschen ins Bodenlose, ohne je imstande zu sein, einen anderen Boden, auf dem Menschen stehen könnten, zu errichten.“ (362)
Die Lüge in der Politik kann die Wahrheit leugnen, ignorieren und sogar vernichten, aber sie kann sie nicht ersetzen, wie Arendt schreibt. „Zwar ist Wahrheit ohnmächtig und wird in unmittelbarem Zusammenprall mit den bestehenden Mächten und Interessen immer den kürzeren ziehen, aber sie hat eine Kraft eigener Art: Es gibt nichts, was sie ersetzen könnte.“ (364)
Wenn wir also, von einem semiotischen Standpunkt aus, die Politik betrachten, so können wir uns dabei an der Wahrheit orientieren, wie Seefahrer an den Sternen am Firmament, und wir können die politischen Schlachten um die Meinungshoheit immer vor diesem Hintergrund betrachten, den die Wahrheit darstellt. Vor diesem Hintergrund wird deutlicher, welchen Verzerrungen die Wahrheit im politischen Getöse ausgesetzt ist. Und wir können wissen, dass, was immer uns auf dem Feld des Politischen gesagt wird, eher im Willen um Überzeugung als im Willen zur Wahrheit geäußert wird.
Zuletzt kann man mit Peirce daran appellieren, dass der Mensch schließlich doch wünscht, dass seine Überzeugungen mit den Fakten übereinstimmen. Und dass es keinen Grund gibt, warum die apriorische Methode zu diesem Ergebnis kommen sollte:
„Diese Wirkung hervorzubringen, ist das Vorrecht der wissenschaftlichen Methode. Aufgrund solcher Überlegungen muß er eine Wahl treffen, eine Wahl, die weit mehr ist als eine Aneignung irgendeiner intellektuelle Meinung; die eine der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens ist, die er, wenn sie einmal getroffen ist, zu befolgen hat. Die Macht der Gewohnheit wird es manchmal mit sich bringen, daß ein Mensch an alten Überzeugungen festhält, nachdem er imstande ist, zu erkennen, daß sie keine vernünftige Grundlage haben. Aber Reflexion über die Sachlage wird diese Gewohnheiten überwinden, und er sollte der Reflexion ihr volles gewicht verleihen.“ (Peirce, Die Festigung der Überzeugung. Ullstein, 1985. S. 57)
Aber vielleicht haben wir nicht die Geduld, vielleicht auch wirklich einfach nicht die Zeit, darauf zu warten, dass sich die Wahrheit, dass sich die wissenschaftliche Methode am Ende durchsetzen wird. Ein paar Ideen, was wir tun könnten, jetzt, konkret, versuche ich in meinem nächsten Blogeintrag zu skizzieren.
- Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. Piper, München. 2013. Die Essay stammen von 1963 bzw. 1967 und wurden bei Piper zuerst 1971 und 1972 verlegt. Im Folgenden verwende ich die wiederabgedruckte Fassung in: In der Gegenwart, S. 322-353. ↩︎
- Zur Erinnerung: Peirce geht davon aus, dass es in der Natur des Menschen liegt, Überzeugungen erreichen und Zweifel ausräumen zu wollen. Um zu Überzeugungen zu gelangen, schlägt er vier Methoden vor, wobei er die letzte, nämlich die wissenschaftliche Methode, als letztlich die einzige sinnvolle favorisiert. Die erste Methode ist die der Beharrlichkeit, die zweite die der Autorität – und allein die Bezeichnungen erklären schon deren Schwächen. Die dritte nennt er die apriorische Methode, es ist die, Moden, dem Zeitgeist oder dem Mainstream zu folgen, und obwohl sie ebenfalls reichlich mangelhaft ist, verdient sie doch etwas mehr Aufmerksamkeit, die ich ihr deshalb in diesem Blog-Beitrag widmen will. ↩︎
- Und der Protest in aufblasbaren Froschkostümen wie am „No-Kings“-Protest-Tag, 18. Oktober 25, ist eine verständliche Reaktion auf diese Bizzarrerie. ↩︎
- Bullshitting: Trump antwortet auf die „No-Kings-Proteste“ vom 18.Oktober 2025 mit einem KI-generierten Video auf seinem Propaganda-Kanal Truth Social, das ihn als König in einem Kampfjet zeigt, der riesige Mengen von Scheiße auf die Demonstrierenden ergießt. Und möglicherweise ist das die zutreffendste Selbstbeschreibung seiner „Politik“, wie sie Steve Bannon schon früher als Strategie beschrieben hatte: „flood the zone with shit.“ Trump inszeniert sich diesmal selbst als Dreckschleuder, eben als das was er tatsächlich ist: ein bullshitter. ↩︎


Schreibe einen Kommentar