Hello world!

Hello world!

Der Mensch ist bereit, für jede Idee zu sterben, vorausgesetzt, sie ist ihm nicht ganz klar.

(G. K. Chesterton)

Sich Ideen klar zu machen, erscheint daher sinnvoll. Und obwohl wir unaufhörlich alles mögliche hören, interpretieren, miteinander diskutieren, unseren Augen trauen oder auch nicht, also jedenfalls so einigermaßen unsere Sinne beisammen haben, stolpern wir doch auch ständig über Missverständnisse, machen Fehler, lassen uns in die Irre leiten usw.

Um nicht gleich so aufs Ganze zu gehen, wie G.K. Chesterton, werde ich mal mit ein paar grundlegenden Gedanken zu Überzeugungen und Gewohnheiten anfangen und deren innere Struktur erklären. Denn wir stehen immer wieder vor dem Problem, dass wir nicht begreifen, warum jemand so handelt oder so ist, wie er nun eben handelt und ist.
Um sich da etwas Klarheit zu verschaffen, braucht es gar keine Psychologie: ein bisschen Semiotik tut es allemal.

Warum macht sie das?! Was denkt er sich dabei?!

Ganz einfach: Jeder Mensch handelt nach seinen individuellen Überzeugungen – anders ist das gar nicht vorstellbar. Denn wir wir „Überzeugungen“ ins Alltagssprachliche und -taugliche übersetzen, sind das einfach seine Routinen, Automatismen letztendlich: seine Gewohnheiten.

Wir alle stehen auf, erledigen unsere früheren oder späteren Morgenroutinen, gehen unserem Alltag nach, wie immer der bei jedem so aussehen mag, wir essen, wir kaufen Sachen ein, wir treffen Freunde und Verwandte – wir leben. Und im Alltag läuft das meiste dann auch wie am Schnürchen (auch wenn unser subjektiver Eindruck ein anderer sein mag: Weil uns Fehler, Probleme, Hindernisse viel mehr auffallen, als all das, was gewohnheitsmäßig und erwartbar so läuft, wie es soll).

Das alles ginge nicht, wenn nicht fast jede einzelne Handlung gewohnheitsmäßig vollzogen werden könnte.

Meistens können wir uns direkt oder indirekt auch mit den anderen darüber austauschen, was wir so machen und wie wir es machen – tatsächlich kommunizieren wir das fast ununterbrochen. So entsteht unter anderem Konsens.

Und dennoch beruhen all unsere Gewohnheiten auf Erfahrungen, die wir individuell zu unseren Überzeugungen und Gewohnheiten kondensiert haben.

Und hier sind wir schon mittendrin in der Semiotik

Sobald wir auch nur die alltäglichste Gewohnheit angenommen haben, zum Beispiel die, morgens eine Tasse Tee zu trinken, um munter zu werden, können wir in alle Ruhe vor uns hin deduzieren:

Wir haben eine Regel/Überzeugung/Gewohnheit:

„Eine Tasse Tee macht morgens munter.“

Von dieser Regel können wir, sofern wir eben Teetrinker sind, ausgehen und folgern:

„Oh, es ist Morgen!“

„Also wird mich Tee jetzt munter machen.“

Regel – Fall – Konklusion: Da kann kaum was schiefgehen. Das ist eine Deduktion.
Meistens klappen Deduktionen, meisten kommen wir mit ihnen prima durch den Alltag. Sonst käme es ja nicht zu unseren Gewohnheiten.

Aber es ist sinnvoll, sich klar zu machen, dass das alles Deduktionen, also deduktive Schlüsse sind, und keine Induktionen oder Abduktionen.

Das ist der Segen der Deduktion: Ist die zugrunde gelegte Regel richtig, so ist die aus ihnen gezogene Konklusion zwingend ebenfalls richtig! Wir brauchen sie, um den Tag möglichst unfallfrei zu überstehen.

Die Tücke der Deduktionen liegt darin, dass wir Gewohnheiten und Überzeugungen nicht nur haben, sondern dass wir an ihnen hängen, wir lieben sie, wir mögen sie nur ungern aufgeben. Und dazu gehört auch: Wir neigen nicht dazu, sie zu hinterfragen.

Aber natürlich kann man die Regeln hinterfragen, nach denen sich unsere Gewohnheiten gestalten.
Tut man dies, so wird man feststellen, dass es anderer Schlüsse bedarf, um zu einer Regel zu gelangen, als die Deduktion, mit der die gefundene Regel dann eingesetzt wird. Regeln werden zumeist von Verallgemeinerungen hergeleitet: Man beobachtet einen bestimmten Sachverhalt immer und immer wieder, also schließt man von dieser Regelmäßigkeit auf eine allgemeine Regel, die immer gültig sei. Das sind Induktionen.

Oder man begegnet einer unerklärlichen Sache und sucht nun Erklärungsmodelle dafür, Hypothesen, die das Unerklärliche plausibel machen. Das sind Abduktionen.

Natürlich können Regeln auch einfach übernommen werden, weil sie sich bewährt haben, aus Gehorsam oder aus Trägheit.
Aber am interessantesten sind ja die Regeln, die individuell erarbeitet worden sind, nach denen Menschen sich verhalten, und die uns aber Rätsel aufgeben.

Also: Warum macht er das?! Warum ist sie so?!

Wenn wir uns wundern, warum er das so und so macht, oder warum sie sich so und so verhält, weil wir das seltsam finden, weil wir es nicht verstehen, dann liegt es nahe, sich zu überlegen, ob er oder sie nicht durch eine individuelle Abduktion zu seiner oder ihrer Gewohnheit gelangt ist. (Denn ansonsten würden wir ja die Regel kennen und wir würden uns nicht wundern.)

Irgendwie scheint er oder sie zu einem Erklärungsmodell gekommen sein, das für ihn/sie funktioniert – und das uns aber unverständlich ist.

Im Umgang mit Kindern können wir das oft sehr gut: Sie machen etwas Seltsames und haben seltsame Erklärungen dafür, die in sich durchaus logisch sind, auf uns aber eben nach phantasievoller Kinderwelt klingen. Sie erklären sich halt ihre Welt. Wir können das meist akzeptieren und lassen die Kinder in Ruhe.

Bei Erwachsenen, macht uns unser Unverständnis dagegen oft ärgerlich. Was man so Marotten nennt, können wir noch gut hinnehmen. Aber manchmal geht es um mehr.
Und dann kannst du, dir wenn du semiotisch denkst, vorstellen, dass der- oder diejenige nicht nach allgemeingültigen Regeln deduziert. Denn die würdest du wahrscheinlich wiedererkennen und es gäbe gar kein Unverständnis. Also muss er eine eigene, individuelle Regel konstruiert haben, nach eigenen, individuellen Erfahrungen, die du nicht teilst. Sein Erklärungsmodell (Abduktion) funktioniert für ihn, auch wenn du seine Logik nicht erkennen kannst.

Aber ist es nicht schon ein guter Schritt, wenn man sich klar machen kann, was da strukturell passiert? Wie Gewohnheitsbildung geschieht? Dass da immer logische Schlüsse am Werk sind, egal ob bewusst oder unbewusst? Dass hier nicht Chaos und Unberechenbarkeit herrschen, sondern eine innere Logik? Du kannst nämlich dann immer nach der Hypothese, also nach einem Erklärungsmodell suchen, die seine Handlungsweise plausibel machen könnte.

Die Erklärung solcher semiotischer Prozesse – und es handelt sich immer um semiotische Prozesse! – erscheint mir jedenfalls immer als eine vernünftige Möglichkeit, Verstehen (und manchmal auch Verständnis) zu fördern.

Es ähnelt ein bisschen der Methode von Detektiven: Man beobachtet ein unerklärliches Phänomen – und dann fragt man sich: Wie könnte es dazu gekommen sein? Wenn man so fragt, kann man die Abduktionen – die Erklärungsmodelle, die dann als Regel eingesetzt werden, besser nachvollziehen.

Abduktion und Suggestion

Bei logischen Schlussfolgerungen kann man sich natürlich auch vertun: Fehlschlüsse, Trugschlüsse, Scheinbeweise etc. sind jederzeit möglich. Und besonders die fragile Abduktion ist anfällig für irrtümliches oder auch manipulatives Schließen.

Die Abduktion, also die Schlussfolgerung, bei der eine hypothetische Regel eingesetzt oder eingeführt wird, um einen Fall zu plausibilisieren, ist das Werkzeug der Wahl, wenn es um Verschwörungslegenden geht.

In dem abduktiven Schluss wird nämlich, wenn man ihn genauer betrachtet, nicht nur der Fall als Konklusion, sondern zugleich auch die versuchsweise eingesetzte Hypothese als gültige Regel bekräftigt.
Ein Beispiel: Es wird ein seltsames Phänomen beobachtet:

„Flugzeuge produzieren manchmal „ungewöhnlich“ aussehende Kondensstreifen.“

Da kommt man ins Grübeln und probiert, ob die folgende These passen könnte:

„“Man“ versucht, die Menschheit zu vernichten/zu vergiften!“

Und schließt dann „messerscharf“:

„Die Kondensstreifen sind Chemtrails/Gift!“

Mit der Hypothese wird also oft gar keine gültige Regel eingesetzt, sondern eine konstruierte Hypothese versuchsweise eingesetzt, die die dann sich ergebende Konklusion plausibel erscheinen lässt.
Diese Konklusion: „Klar! Das sind Chemtrails! So ergibt das alles plötzlich Sinn!“ basiert aber eben nur auf der Hypothese (Man – wer auch immer das sein soll?! – versuche, die Menschheit zu vernichten.), deren Gültigkeit als allgemeine Regel gar nicht belegt ist. – Und bei Verschwörungsmythen auch gar nicht belegt werden soll. Oder kann.

Und genau diese Ungeklärtheit der eingesetzten Hypothese kann nun missbräuchlich angewendet werden, nämlich so, dass alle möglichen beobachteten Phänomene dafür herhalten müssen, eben genau diese Hypothese zu unterstützen.

Das ist genau das, was in Verschwörungslegenden passiert! Die Chemtrails an sich, sind dabei nicht einmal so wichtig, sie sind nur ein x-beliebiger weiterer Baustein, der die zugrundeliegende Hypothese als Regel bestätigen soll: „Man versucht, uns zu vernichten!“

Sobald diese Hypothese dann oft genug behauptet wird, dass sie als Regel akzeptiert wird, kann sie im weiteren wie selbstverständlich zu Deduktionen herangezogen werden. Et voilà: Fertig ist die Verschwörungs-„Theorie“.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert